Leben in Klausur

Themen: Spirituelle Gebrauchsanweisung für Zeiten der Isolation; Margarethe Ottillinger, ihre bewegte Geschichte und ein Stück wegweisende Architektur; Otto Mauer: Kämpfer für moderne Kunst; Bibelessay von Stefan Schröckenfuchs

Leben in Klausur – Spirituelle Gebrauchsanweisung für Zeiten der Isolation

Seit Wochen und trotz aller Lockerungsaussichten sind nach wie vor viele Österreicher/innen dazu angehalten, ihre Tage an einem Ort mit immer denselben Menschen zu verbringen – oder ganz allein und auf sich zurückgeworfen zu hausen. Ordensleute haben seit 1500 Jahren Erfahrungen mit exakt dieser Situation, wenn auch ohne Virus und Todesgefahr. Aber sie leben tagein tagaus mit ihren Mitschwestern und -brüdern in Klausur auf engstem Raum oder als Eremit/innen in ihrer Klause. Die bekannten Ordensleute, die Salvatorianerin Melanie Wolfers und die Benediktiner Anselm Grün und David Steindl-Rast, teilen das Schicksal der Quarantäne und haben sich Gedanken darüber gemacht, wie Leben für Familien, Singles und Wohngemeinschaften in Zeiten von „social distancing“ funktionieren kann. Ein bewährter Weg, Grenzen zu überschreiten ist da die Öffnung für Transzendenz. Kerstin Tretina fasst die spirituellen Erkenntnisse von Wolfers, Grün & Steindl-Rast zusammen.

Leid in Kunst gewandelt – Margarethe Ottillinger, ihre bewegte Geschichte und ein Stück wegweisende Architektur

Als der Aufbau in Österreich nach 1945 Fahrt aufnahm, da begann ihr persönlicher Leidensweg. Die Rede ist von Margarethe Ottillinger: Als rechte Hand des damaligen Wirtschaftsministers Peter Krauland wurde die 1919 geborene Handelswissenschaftlerin 1948 an der Ennsbrücke bei St. Valentin verhaftet und in sowjetischen Gefängnissen festgehalten. Im Mai 1949 verurteilte man Ottillinger unter ungeklärten Umständen wegen Beihilfe zum Landesverrat sowjetischer Offiziere und wegen Wirtschaftsspionage zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Doch nach Abschluss des österreichischen Staatsvertrages 1955 konnte sie – krank und geschwächt – aus dem Gulag zurückkehren und wurde nach ihrer Erholung Managerin bei der OMV mit vielen weiteren verantwortungsvollen Aufgaben.

Georgenberg:
Wotrubakirche

Auf ihre Veranlassung hin wurde auf der Fläche der ehemaligen Luftwaffenkaserne auf dem Georgenberg in Wien-Mauer die sogenannte Wotruba-Kirche errichtet. Wollte doch die von tiefer Religiosität geprägte Managerin die Stärke des Westens auch in geistig-geistlicher Hinsicht zeigen, wie sie sagte. Das katholische Kirchenhaus nach Entwürfen des Bildhauers Fritz Wotruba wurde 1976 eingeweiht: 152 in einander und auf einander verschachtelte Betonblöcke mit schmalen Fenstern in den Wienerwald sind ein Beispiel für Kirchenbau als Avantgarde. Margarethe Ottillinger starb am 30. November 1992, am 9. Juni 2013 benannte man den Platz vor der Wotruba-Kirche Ottillingerplatz. Ihre bewegte Geschichte erzählt Brigitte Krautgartner im Rahmen des Ö1-Schwerpunktes „1945 und die Folgen. Anfänge, Widersprüche, Kontinuitäten“.

Otto Mauer: Priester, Mahner, Tröster – und Kämpfer für moderne Kunst

Er hat es sehr begrüßt, dass der Bildhauer Fritz Wotruba als Architekt von Sakralbauten ausgewählt wurde – und auch seine Fotografie wurde von Arnulf Rainer übermalt: In Österreich verdanken die zeitgenössische Kunst und die Avantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Verbreitung einem Geistlichen. Otto Mauer, geboren 1907 in Brunn am Gebirge, wurde nicht nur leidenschaftlicher Theologe und katholischer Priester, sondern auch ein ebenso leidenschaftlicher Förderer moderner Kunst, der die Kunst- und Architekturszene Österreichs in den Nachkriegsjahren entscheidend prägte. Spiritualität und Kunst gehörten für Mauer eng zusammen, und Kunst war für ihn einer der Wege, der Wahrheit näher zu kommen.

Zuerst war es die Galerie St. Stephan, dann die Galerie nächst St. Stephan, für die Mauer Werke von Alfred Kubin, Hans Fronius, Herbert Boeckl, Arnulf Rainer, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha, Maria Lassnig und vielen anderen sammelte. 1973 starb der Domprediger und Kunstmäzen, auf seinem Grabstein in Brunn am Gebirge ist er als Priester, Mahner und Tröster verewigt. Seit 1981 wird der nach ihm benannte Otto-Mauer-Preis jährlich an junge Künstler/innen vergeben. Er gilt als eine der bedeutendsten Auszeichnungen für bildende Kunst in Österreich. Eine der Jurorinnen dieses Preises ist die Kunstwissenschaftlerin und Direktorin des Wiener Dom Museum, in dem sich die „Sammlung Otto Mauer“ befindet, Johanna Schwanberg. Mit ihr hat Brigitte Krautgartner gesprochen. Ein Beitrag im Rahmen des Ö1-Schwerpunktes „1945 und die Folgen. Anfänge, Widersprüche, Kontinuitäten“.

Der Weinstock und die Reben - Bibelessay zu Johannes 15,1-18

Der Gott der Bibel ist den Menschen achtsam zugewandt, sagt Stefan Schröckenfuchs, Superintendent der evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich, zum Kontext jener Bibelstelle, die am Sonntag, dem 3. Mai, in evangelischen Kirchen zu hören ist. Der Autor des Johannesevangeliums hat sie gegen Ende des 1. Jahrhunderts verfasst. Wie ein „Weingärtner“ wolle Gott Voraussetzungen schaffen, damit Menschen gut leben und gedeihen können. Und wie ein Weingärtner hoffe er auch auf eine Ernte. „Das Besondere aber ist: Die ,Ernte‘ kommt nicht nur Gott zugute - sondern auch den Menschen. Denn die Ernte soll nichts anderes sein, als dass Menschen in Frieden und Gerechtigkeit miteinander leben.“

Bibelessay zu Johannes 15, 1 – 18

Redaktion & Moderation: Doris Appel

Lebenskunst 3.5.2020 zum Nachhören (bis 2.5.2021):