Evangelische Kirchen nach 1945

Themen: Maria 2.0 in Wien-Inzersdorf; Die Philosophin Amani Abuzahra; Die evangelischen Kirchen in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg; Bibelessay von Helga Kohler-Spiegel

Perspektivenwechsel – Maria 2.0 in Wien-Inzersdorf

Eigentlich sollte es eine besondere Feier werden, am Sonntag, dem 10. Mai, zugleich Muttertag, in der Kirche St. Nikolaus in Wien-Inzersdorf: Vor einem Jahr, am Muttertag 2019, haben engagierte Christinnen und Christen dort mit ihren Aktivitäten im Rahmen von „Maria 2.0“ begonnen. Diese Initiative hat ihre Wurzeln in Deutschland und soll die Ungleichbehandlung von Frauen in der römisch-katholischen Kirche anprangern und überwinden. Das alles durchaus kreativ, lustvoll und im Sinne einer Neuentdeckung bzw. -interpretation der Tradition.

So signalisiert der Name Maria 2.0 einerseits Kontinuität - die Wertschätzung der Mutter des Jesus von Nazareth ist in der katholischen Kirche nichts Neues – und andererseits einen Perspektiven-Wandel, so wie 2.0 ein neues Zeitalter des Internets ausdrückt. Nicht Demut und Dienen und vielleicht mütterliche Selbstlosigkeit stehen im Vordergrund, sondern dass diese Maria ihre Stimme erhebt (und u.a. im Evangelium davon singt, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht). Wie inspirierend die „Heilige Maria“ in ihrer neuen Interpretation sein kann, das hat sich Brigitte Krautgartner in Wien-Inzersdorf angesehen.

Mehr als Kinder, Küche & Koran – Die Philosophin Amani Abuzahra

Die Ursprünge des Muttertags lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen, zu den sogenannten großen Göttermüttern und entsprechenden Verehrungsritualen. In seiner heutigen Form wurde der Muttertag in der englischen und US-amerikanischen Frauenbewegung geprägt und von einer Angehörigen der evangelisch-methodistischen Kirche, Anna Maria Jarvis, zu Beginn des 20. Jahrhunderts begründet.

Lebenskunst
Sonntag, 10.5.2020, 7.05 Uhr, Ö1

In vielen Ländern wird er am zweiten Sonntag im Mai gefeiert, so auch etwa in Österreich und in der Türkei, heuer freilich anders als sonst: ohne Umarmung und mit Abstand beim gemeinsamen Essen. Muslimische Mütter und ihre Familien feiern in diesen Tagen auch den Ramadan, verzichten im Fastenmonat vom Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Speisen und Getränke. Traditionellerweise versammeln sie sich am Abend zum Fastenbrechen, doch auch das ist in Zeiten des Coronavirus anders. Die Expertin für Interkulturelle Pädagogik, Philosophin und Autorin Amani Abuzahra, selbst Mutter und Tochter, teilt mit Maria Harmer am Telefon ihre persönlichen Gedanken und Erlebnisse.

Von „Deutschen Christen“ zu Kämpferinnen für Gerechtigkeit – Die evangelischen Kirchen in Österreich nach 1945

Die ersten Maitage stehen traditionell im Zeichen der Zeitgeschichte, ist doch am 8. Mai 1945 offiziell der Zweite Weltkrieg hierzulande und darüber hinaus zu Ende gegangen, wenige Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen durch US-amerikanische Truppen. Die dunkle Zeit von Krieg und NS-Schreckensherrschaft war also vorüber. Und dann? Neubeginn - aber wie?

Diese Frage war für eine Kirche in Österreich besonders virulent, für die evangelische. Besonders in ihrer lutherischen Tradition, die ja in Österreich die zahlenmäßig stärkste ist, hat sie seit jeher ein Nahverhältnis zu Deutschland gepflogen - was in der NS-Zeit zu durchaus unseligen Konsequenzen geführt hat – und bis in die Unterscheidung zwischen gleichgeschalteten „Deutschen Christen“ und der widerständigen „Bekennenden Kirche“. Wie es dann nach dem Krieg weiter gegangen ist - und wie man mit Schuld und Reue umgegangen ist - das hat Brigitte Krautgartner vom Experten Leonhard Jungwirth erfragt. Ein Beitrag im Rahmen des Ö1-Schwerpunkts 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs „1945 und die Folgen. Anfänge, Widersprüche, Kontinuitäten“.

Gottesbilder und -vorbilder – Bibelessay zu Johannes 14,1-12

„Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen“, sagt Jesus von Nazareth im gegen Ende des 1. Jahrhunderts verfassten Johannesevangelium. Und: „Wer mich kennt, kennt den Vater“. Der Begriff „Vater“ stehe bei all seiner Ambivalenz in der Bibel für Zuwendung und Vertrauen, meint die katholische Theologin, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin Helga Kohler-Spiegel, die an der Pädagogischen Hochschule Feldkirch in Vorarlberg lehrt. Jesus wolle damit seine Anhänger ermutigen, sich wie eine Vertrauensperson den Ausgeschlossenen, den Kranken, den Gekrümmten zuzuwenden. Dann, so Helga Kohler-Spiegel, werden „Wunder“, also Geschichten mit unerwartet gutem Ausgang, wahr.

Bibelessay zu Johannes 14,1-12

Redaktion & Moderation: Doris Appel

Lebenskunst 10.5.2020 zum Nachhören (bis 9.5.2021):