Eine Lanze für das Wörtchen UND

In Zeiten wie diesen bin wohl nicht nur ich mehr als sonst elektronisch unterwegs. Einerseits bietet sich die Videotelefonie als Ersatz für persönliche Kontakte mit Familie und Freunden an, andererseits sind es die sozialen Medien, in denen man eine Art Überblick über die Stimmungslage bekommen kann.

Zwischenruf 10.5.2020 zum Nachhören (bis 9.5.2021):

Auf diesen virtuellen Marktplätzen ist mir so einiges aufgefallen. Aber nicht nur mir, sondern auch Anna, einer sehr guten alten Bekannten, die mich letztlich auf mein heutiges Thema gebracht hat.

Margit Hauft
ist ehemalige Vorsitzende der katholischen Frauenbewegung Österreichs

„Die da oben“

Anna ist Jahrgang 1925 und das, was man am besten als „widerständige Alte“ beschreibt, hellwach für die Zeichen der Zeit, aber nicht chronisch misstrauisch. Wir sind einander vor fast 20 Jahren erstmals begegnet, bezeichnenderweise bei einer Großkundgebung gegen den Irakkrieg und dieser Demo sollten noch viele gemeinsame folgen, Gehhilfe und Rollstuhl inbegriffen.

Anna genießt als fast Informationssüchtige auch die Quelle Internet und schlendert regelmäßig durch die sozialen Medien. Dort sind uns beiden derzeit zum Beispiel Menschen aufgefallen, deren Demokratiehunger, betrachtet man ihre Profile, sonst gar nicht ausgeprägt scheint, die aber plötzlich um ihre demokratischen Rechte fürchten, weil „die da oben“ Maßnahmen angeordnet haben wie möglichst zu Hause bleiben, Abstand halten, einander nicht besuchen usw. Nicht wenige fühlen sich auch diskriminiert, werden ihnen doch die Alten einfach vorgezogen. Warum sollte man die auf einmal besonders schützen, die haben ihr Leben doch schon gehabt.

Hausverstand

Was den heutigen Muttertag betrifft, lässt man sich natürlich nichts nachsagen, ein paar Pralinen und ein Sträußerl für die alte Mama ja, aber das muss doch genügen. Alt ODER jung? Und dann noch diese Masken! Eine Bekannte hat mir übrigens gesagt, dass sie dieses Zeug verweigert, seit sie weiß, dass es ohnehin nur die anderen schützt und nicht sie, ich ODER die anderen also.

Zwischenruf
Sonntag, 10.5.2020, 6.55 Uhr, Ö1

Aus der Sicht von Anna und mir scheint derzeit das Wörtchen UND sehr in den Hintergrund gerückt zu sein zugunsten eines wertenden bis abwertenden „entweder - oder“. Entweder sich kriecherisch an Verordnungen halten ODER mit erhobenem Kopf genau das Gegenteil tun. Entweder die Meinung von Experten akzeptieren, in dem Wissen, dass auch die immer am Lernen sind, weil sie Gott sei Dank auch noch keine Erfahrung mit Pandemien haben, ODER meinen bewährten Hausverstand als der Weisheit letzter Schluss sehen, wie etwa der amerikanische Präsident, dem ich nie unterstellen würde, dass er Menschen bewusst schaden oder sie sogar in Lebensgefahr bringen will, wenn er auf Grund seines Hausverstandes meint, dass man Desinfektionsmittel doch auch injizieren könnte.

Ich bin übrigens eine große Verfechterin eines wachen Hausverstandes, eines gebildeten, überprüften Hausverstandes allerdings, immer wieder nötige Korrekturen inbegriffen.

Entweder - oder

Die Konzentration auf „entweder – oder“ klingt ja vorerst sehr verlockend, sie erweckt vielleicht sogar den Anschein, den Überblick zu haben und willensstark zu entscheiden, was heißt sie aber, wenn sich existenzielle Fragen stellen wie: Alt ODER Jung, Wirtschaft ODER Gesundheit und letztlich du ODER ich?

Lassen wir uns nicht auseinanderdividieren, vergessen wir das UND nicht, auch wenn es manches mühsamer macht. In der aktuellen Krise mit ihren Begleiterscheinungen könnte das heißen: Darunter leiden UND daraus lernen. Als Navigator bietet sich gerade im heutigen Evangelium Jesus an mit seinen bekannten Worten: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, der Weg des Miteinander, die Wahrheit der Auferstehung, das Leben im Vertrauen auf seine Begleitung“.