„Die Zeit ist kaputt“

Baron Münchhausen, dessen 300. Geburtstag wir in dieser Woche begangen haben, ist auch in die Filmgeschichte eingegangen. Während sich so mancher an die letzte große Hollywoodverfilmung erinnert, bei der Uma Thurman als Venus einer Muschel entsteigt, schwärmte meine Oma von Hans Albers mit seinen blauen Augen, dem Münchhausen der Verfilmung von 1943.

Gedanken für den Tag 16.5.2020 zum Nachhören (bis 15.5.2021):

Es war ein Propagandafilm, in Auftrag gegeben von Joseph Goebbels. Überraschend ist der Verfasser des Drehbuchs: Erich Kästner. Obwohl seine Bücher verbrannt und er mit Publikationsverbot belegt worden war, schrieb er es unter dem Pseudonym Berthold Bürger. Goebbels schien die Qualität der Dialoge wichtiger als die ideologische Reinheit. Und Kästner musste von etwas leben.

Michael Chalupka
ist Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich

Der größte Lügner der Welt

Es bleibt umstritten, ob Kästner subversive Dialoge in das Skript geschmuggelt hat. Etwa, wenn Münchhausen zu seinem Diener, der meinte „Entweder ist Ihre Uhr kaputt, Herr Baron, oder die Zeit selber“ sagt: „Die Zeit ist kaputt, Christian“. Oder der Satz: „Seien Sie trotzdem vorsichtig. Die Staatsinquisition hat zehntausend Augen und Arme; und sie hat die Macht, Recht und Unrecht zu tun – ganz wie es ihr beliebt.“

Seinen Freunden erklärte Kästner: „Der Filmauftrag kommt vom größten Lügner der Welt. Weshalb machen wir also nicht einen Film über den Lügner, der ihm am nächsten kommt, Baron Münchhausen?“

Doch Erich Kästner macht auch den Unterschied zwischen Münchhausen und Goebbels deutlich, wenn er Münchhausen mit seinem bösen Gegenspieler reden lässt. Als der meint: „Zuerst holen wir uns Kurland, dann pflücken wir Polen“, antwortet Münchhausen: „In einem werden wir uns nie verstehen, in der Hauptsache. Sie wollen herrschen, ich will leben. Abenteuer, fremde Länder, schöne Frauen, ich brauche das, Sie missbrauchen das.“

So kann man auch den Unterschied zwischen einem Geschichtenerzähler wie Münchhausen und den heutigen Fake News-Produzenten beschreiben: Er brauchte die Fantasie, sie missbrauchen sie.

Musik:

Heinz Holliger/Oboe und Academy of St. Martin in the Fields unter der Leitung von Iona Brown: „Adagio - 1. Satz“ aus: Konzert für Oboe, Streicher und B.c. in d-moll von Georg Philipp Telemann
Label: Philips 4128792