Die Anbetung der Heiligen Drei Könige

Zum 510. Todestag von Sandro Botticelli: Selbstbewusst – fast schon arrogant – blickt mich ein junger Mann über seine linke Schulter hinweg an. Er hat hellbraunes, lockiges Haar und trägt einen goldgelben, wallenden Mantel.

Gedanken für den Tag 18.5.2020 zum Nachhören (bis 17.5.2021):

Die Position am rechten Bildrand legt die Vermutung nahe, dass es sich um den Künstler handelt, der sich auf diesem Gemälde verewigt hat: Sandro Botticelli.

Die Welt immer wieder neu sehen

Mit der „Anbetung der Heiligen Drei Könige“, auf der dieses vermeintliche Selbstporträt zu finden ist, begründete Botticelli seinen Ruhm als Star der Florentiner Frührenaissance. Auch wenn das ursprünglich für einen Altar entstandene Gemälde heute in den Uffizien ein Schattendasein führt – überstrahlt von den späteren mythologischen Werken „Frühling“ und „Geburt der Venus“. Also jenen weltberühmten innovativen Bilderfindungen, die bis heute unzählige Male kopiert, variiert und vermarktet wurden: von Künstlerinnen und Künstlern wie Cindy Sherman oder Andy Warhol, von Modefirmen wie Dolce & Gabbana und Valentino.

Johanna Schwanberg
ist Direktorin des Dom Museum Wien

Über Botticellis Leben wissen wir fast nichts, denn er hat weder Tagebücher noch Briefe hinterlassen. Klar ist, dass er am 17. Mai 1510 auf einem kleinen Friedhof in Florenz bestattet wurde. Er muss etwa 65 Jahre alt und Inhaber einer der prominentesten Werkstätten gewesen sein, die Aufträge für viele der angesehensten Familien Italiens verwirklichte.

Kaum zu glauben, dass dieser zu Lebzeiten so geschätzte Künstler Jahrhunderte hindurch in Vergessenheit geriet, bevor man ihn im frühen 19. Jahrhundert wiederentdeckte und zu feiern begann: für die farbintensive Strahlkraft, für die plakative Schönheit, aber auch für den Erfindungsreichtum und die inhaltliche Rätselhaftigkeit seiner Werke.

Botticelli fasziniert mich, weil er unkonventionell dachte und dennoch vermittelnd war. Er verband Themen und Zeitebenen, die auf den ersten Blick unvereinbar sind. So zauberte er aus einem traditionellen Bildthema wie der „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ ein Massenereignis, gespickt mit Porträts bedeutender Zeitgenossen, vor allem aus der Familie der Medici. Der Künstler ist selbst Teil des Geschehens. Und scheint mir dadurch zu sagen: Nur wenn ich ganz gegenwärtig bin, kann ich dazu beitragen, die Welt immer wieder neu und anders zu sehen.

Musik:

Hesperion XXI unter der Leitung von Jordi Savall: „Follia“ von Arcangelo Corelli
Label: Alia Vox AV 9844