Liebe in Zeiten wie diesen

Der Mai wird gerne als Monat der Liebe gesehen – nicht umsonst sind um diese Zeit in normalen Jahren besonders viele Hochzeiten. Doch heuer ist alles ein bisschen anders.

Morgengedanken 24.5.2020 zum Nachhören (bis 23.5.2021):

In Zeiten wie diesen fällt mir immer wieder das Wort Liebe ein. Ein großes Wort und ein weites Land. Ich meine dabei aber nicht die Liebe, wie sie in unzähligen Schlagern besungen wird. Ich meine nicht die Liebe der tragischen Verirrungen und Missverständnisse in den Opern, in Theaterstücken oder in diversen Fernsehproduktionen. Ich meine nicht die Liebe, die in den Smileys mit den Herzerl-Augen durch das Internet fliegt. Und auch nicht jene Liebe, die sich aufopfert für andere und sich selbst verzehrt und verbrennt.

Angelika Pressler
ist Psychotherapeutin und Theologin aus Salzburg

„Wie ein ungeschickter Dieb im Dunkel der Nacht“

Ich meine eher die Liebe als ein Verhalten, als eine Einstellung zur Welt, zum Menschen, zu mir, zu den belebten und unbelebten Dingen. Ich meine die Liebe, die radikal ist, radikal im Sinne des Herkunftswortes „Radix“, Wurzel. Ich meine die Liebe, die uns an die Wurzel des Menschseins führt. Ja vielleicht uns überhaupt fähig macht zum Menschsein.

Und je mehr ich über sie nachdenke, desto rätselhafter und vielgestaltiger wird sie mir. Die Liebe ist Glück und Unglück, Trost und Fluch, Sicherheit und Ekstase, Gnade und Wahnsinn, Hass und Wärme, Schönheit und Abgrund. Oder wie ein Philosoph schreibt: „Die Liebe durchdringt alle Poren der Welt, sie hinterlässt überall ihre Spuren wie ein ungeschickter Dieb im Dunkel der Nacht“. Die Liebe in einer Zeit wie dieser, die so durchtränkt ist von Geboten, Regeln, Verboten und Vorschriften. Was heißt es da, ein liebevoller Mensch zu sein?