Liebe und Leidenschaft

Liebe und Leidenschaft gehören zusammen – nicht nur in Schlagertexten. Doch die Verbindung von Leidenschaft und Liebe ist nicht ganz einfach.

Morgengedanken 26.5.2020 zum Nachhören (bis 25.5.2021):

In einer Zeit wie dieser, in der vieles aus der gewohnten Ordnung gefallen ist, in der wir versuchen, sie durch andere Ordnungen und Grenzen zu ersetzen; in einer Zeit wie dieser ist das Nachdenken über die Liebe herausfordernd. Denn die Liebe ist eine Himmelsmacht und eine Höllengewalt. Sie überfällt Menschen wie ein Dieb in der Nacht, bringt Unordnung und Chaos; sie verführt in den Liebesrausch, geht Hand in Hand mit dem Wahnsinn und verweigert sich aller Normen und Regelungen. Die Liebe als Leidenschaft, als Passion ist verstörend.

Angelika Pressler
ist Psychotherapeutin und Theologin aus Salzburg

Die Freiheit namens Selbstverwirklichung

Deshalb hat die Liebe einen anarchischen Untergrund, der im wahrsten Sinn des Wortes un-heimlich ist. Denn Leidenschaft ist zügellos und so ist die Liebe immer auch eine Grenzerfahrung. Ist Liebe also die grenzenlose Freiheit? Ich glaube, wohl eher nicht. Ich denke sogar, Liebe und Freiheit widersprechen einander. Denn jede Art von Liebe, sei es erotische Liebe, Kinder-, Eltern- oder Nächstenliebe bringt Abhängigkeit, Verwiesen-Sein, und ist letztlich eine Demütigung der Freiheit. Das ist der eigentliche Sinn der Leidenschaft, der Passion, die über das Begehren des anderen hinausgeht. Es ist die Aufgabe des Selbst, ich setze mich einer Gewalt aus, die weh tut. Es ist eine Form von Abhängigkeit, die schmerzt.

Vielleicht begegnet uns deshalb heute oft so viel Lieblosigkeit, weil wir alles einer Freiheit namens Selbstverwirklichung opfern wollen. Wer Passion vermeidet, um das Selbst zu verwirklichen, wird zwar Bestätigung finden, doch lieben wird er nicht.