Liebe, Nacht und Intimität

Liebe und Nacht – diese beiden Begriffe bilden ein Paar. Das findet Angelika Pressler.

Morgengedanken 27.5.2020 zum Nachhören (bis 26.5.2021):

In Zeiten wie diesen war es oft still auf den Straßen, so still, dass man das Zwitschern der Vögel hören konnte. Vor kurzem wurde ich in der Nacht von einem seltsamen Gesang aufgeweckt. Ich ging ans offene Fenster und horchte in die Dunkelheit hinein. Kein Zweifel, ich hörte eine Nachtigall. Sie ist in unseren Breiten der einzige Singvogel, der sich für seine Melodien und Schluchzer die Nacht erwählt hat.

Angelika Pressler
ist Psychotherapeutin und Theologin aus Salzburg

Das Dunkel der Nacht

Die Nachtigall gilt als Liebesvogel. Denn in vielen Liebesgeschichten ist es die Nacht, die der eigentliche Raum der Liebe ist. „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“, heißt es bei Romeo und Julia, als sie nach ihrer ersten Nacht dem Tag entgegen bangen. Und in Wagners „Tristan und Isolde“ singt das Liebespaar: „O sink hernieder, Nacht der Liebe, gib Vergessen, dass ich lebe.“ Die Liebe hatte schon immer eine Neigung zur Nacht, zu nächtlichen Traumbildern, zum Unbewussten, zum heimlichen, nicht öffentlichen Ort. Die Nacht ist der Ort der Zurückgezogenheit, der Intimität. Dort geschieht Liebe.

Aber das Dunkel der Nacht birgt auch Gefahren. Die Reise ins Innere der Intimität kann gefährlich sein. Die Monster der Nacht können uns begegnen; Vielleicht meiden wir ja deshalb auch oft die Liebe und ihre Intimität, weil wir in der veräußerlichten Welt des Grellen und Lauten uns selbst nicht mehr hören und sehen müssen.