Liebe und in mir bleiben

Selbstliebe ist wichtig – das ist schon einem der wohl bekanntesten Bibelwörter zu lesen. Dort heißt es ja: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Doch was hat es mit der Selbstliebe so auf sich?

Morgengedanken 28.5.2020 zum Nachhören (bis 27.5.2021):

In Zeiten wie diesen frage ich mich, wie es wohl jenen ergeht, die sich selbst genug sind, die sich darin üben, Bewunderung zu bekommen. Bewunderung, wie sie sich präsentieren, Bewunderung, wie klar und einfach ihre Antworten auf schwierige Probleme sind. Die Welt als ein einziges Spiegelkabinett, in der ich meine Großartigkeit immer aufs Neue zu bestätigen suche, ja, und sie auch bekomme!

Angelika Pressler
ist Psychotherapeutin und Theologin aus Salzburg

Der Schritt zum anderen ist ein Wagnis

Diese Art von „In-sich-selbst-verliebt-sein“, die auch Narzissmus genannt wird, macht mir Angst. Denn sie ist so verführerisch, so einschmeichelnd, und sie trägt ein so freundliches Gesicht. Ist das vielleicht nur die etwas missverstandene Form des biblischen Satzes: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Selbstliebe gilt doch als eine Grundvoraussetzung für die Liebe zum Du?

Andererseits, kann Selbstliebe wirklich Liebe sein? In der Liebe sind wir doch gewissermaßen verdammt zum DU! Zum anderen, der eben nicht Ich ist! Der Selbstverliebte schafft es nicht, aus sich herauszutreten, sich dem anderen auszusetzen. Die Außenwelt bleibt der Spiegel seiner Innenwelt, der ihm zeigt, was nützlich oder gefährlich für ihn ist. Nur im Feedback erlebt er sich. Der Schritt zum anderen, der immer ein Wagnis ist und mit viel Vertrauen, aber auch mit Angst verbunden ist, der bleibt aus. Die sichere Welt im kleinen Ich, ist nicht die bunte, pralle, dürre, verzweifelte und hoffnungsfrohe, vertrauende Welt der Liebe.