Hören

Die Eltern streiten miteinander, die Hunde bellen, die Glocken in der Kirche schlagen laut. Entweder zu einem Begräbnis oder zu einem Feiertag, was für mich gleichermaßen Trauer bedeutet. Am Feiertag darf ich nichts machen, sonst erschlägt mich der Donner Gottes. Heißt es. Und ich langweile mich sehr.

Gedanken für den Tag 26.5.2020 zum Nachhören (bis 25.5.2021):

Meine Großmutter melkt ihre Kühe und rezitiert leise ein Gedicht. Ich sitze daneben und höre zu. Lerne, Kindchen, fordert mich das Gedicht einer Analphabetin auf, was du gelernt hast, versinkt nicht im Wasser, verbrennt nicht im Feuer. Danach folgen furchtbare Geschichten, die schlimmen Kindern in Nachbarorten angeblich passiert sind. Ein Mädchen warf eine Scheibe Brot ohne Respekt auf den Boden und wurde sofort von Gott bestraft, sie verstummte. Zwei Buben seien im Brunnen ertrunken, weil sie wissen wollten, wer dort lebt.

Tanja Maljartschuk
ist Schriftstellerin und Journalistin

Verbotene Lieder

Das will ich auch wissen. Ich öffne den Deckel unseres Brunnens und versuche hineinzublicken, doch die Größe meines Körpers reicht nicht aus. Ich schreie in den Brunnen hinein und meine Stimme kommt verdoppelt zurück. Nur Gott kann so etwas zaubern. Er lebt im Brunnen und langweilt sich genau wie ich. Mein Opa schlägt vor, den Brunnengott wie einen Karpfen herauszufischen. Ich glaube ihm und suche eine Angelrute. Der Opa lacht. Er lacht ständig, als könnte er damit sein Leben eines einfachen Bauern, das nur aus schwerer Arbeit und starkem Alkohol besteht, übertönen.

Zu Weihnachten 1990 singt er verbotene Lieder, denkt er, obwohl sie keiner mehr verbietet. Die Ukraine wird bald unabhängig, aber ich höre noch die sowjetische Hymne morgens um sechs und abends um zwölf im Radio. Meine Eltern, die kein Geld und große Angst vor der neuen Epoche haben, streiten leise, und ich schlafe friedlich ein. Über meinem Bett hängen die Ikonen, unter meinem Bett rascheln die Mäuse.

Musik:

Odessa Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Hobart Earle: „Andriy - 3. Satz“ aus: TARAS BULBA - Suite aus dem Ballett von Reinhold Gliere und Nikolai Gogol
Label: ASV CD DCA 998