Riechen

„Es gibt Städte, in denen es nach Sauerkraut riecht, dagegen hilft kein Barock.“ So schreibt Josef Roth Anfang des 20. Jahrhunderts in einer seiner Reportagen über Galizien.

Gedanken für den Tag 27.5.2020 zum Nachhören (bis 26.5.2021):

Am Ende dieses Jahrhunderts riecht es in unserer Küche nach Roten Rüben, die beim Kochen verbrannt sind, weil meine Mutter mehrere Jobs gleichzeitig erledigt, nicht immer mit Erfolg. Nach Sauerkraut riecht es selbstverständlich auch. Um mich von jenen widerlichen Küchengerüchen abzulenken, hole ich regelmäßig eine kleine Packung Earl-Grey-Tee aus dem Schrank heraus und atme den herrlichen Duft von Bergamotte ein. Nichts in der Welt riecht für mich besser.

Tanja Maljartschuk
ist Schriftstellerin und Journalistin

Fundament aus jüdischen Grabsteinen

Vielleicht nur Fliederbüsche auf einem alten Friedhof im Dorf meiner Großeltern. Dort schlendere ich stunden- und tagelang herum und entziffere die Namen der Begrabenen. Sie wurden nicht in Kyrillisch geschrieben, sondern in einer Sprache, die ich noch nicht kenne, womöglich Polnisch. Keiner in der Umgebung kümmert sich um die Gräber, Familiengrüfte wurden aufgebrochen und ausgeplündert, ich sehe Knochen durch schmale Löcher.

Vor dem Zweiten Weltkrieg haben hier Ukrainer, Polen und Juden in gleicher Zahl gelebt. Dieses Dreieck der Kulturen verwandelt sich bald in eine gerade, in der Leere schwankende Linie. Als die Sowjetunion zerfällt, kommen viele Busse aus Polen mit Menschen, deren Eltern von hier nach Schlesien vertrieben worden sind. Sie knien sich in der fast zerfallenen katholischen Kirche nieder und weinen, und ich bekomme Süßigkeiten. Ich würde gerne in Polen leben und verstehe diese Tränen nicht.

Von den Juden wiederum bleibt im Dorf keine Spur und keine Erinnerung mehr. Es kommen keine Busse mit Besuchern. Jüdische Grabsteine wurden für das Fundament des hiesigen Kulturhauses verwendet. Mit 14 tanze ich dort ahnungslos. Der hölzerne Boden knarrt unter meinen Füßen.

Musik:

Joel Rubin Jewish Music Ensemble: „Taksim“ (Improvisation), arrangiert von Joel Rubin
Label: Schott Wergo Music SM 16142 / 2816142