Der Blick in Kinderseelen

Der Schriftsteller Charles Dickens, der heute vor 150 Jahren gestorben ist, hat seine Figuren weniger nach Gesichtspunkten gestaltet, die man nun psychologisch nennen würde, sondern als Figuren, die für bestimmte Bedeutungen standen.

Gedanken für den Tag 9.6.2020 zum Nachhören (bis 8.6.2021):

Sie bekamen sprechende Namen, sie trugen besondere Kennzeichen, sie hatten ihren Zweck in der Geschichte. Der auffällige Dualismus von Gut und Böse hält heutiger Kritik freilich nicht immer stand, antisemitische Stereotype lassen sich nicht weginterpretieren. Und über manche Beschreibungen von Frauen - manchmal schwärmerisch überhöht, manchmal als unerträglich diffamiert - kann man sich als heute Lesende trefflich ärgern.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Literaturkritikerin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

Individualisiertes Mitgefühl

Aber was die Beschreibung von Kindern betrifft, so hat dieser Autor etwas geschafft, worüber man heute, eineinhalb Jahrhunderte später, immer noch staunen kann. In seinem Roman „Große Erwartungen“ fordert ein entlaufener Häftling den kleinen Pip auf, ihm eine Feile und Essen zu bringen, ansonsten würde er ihm Herz und Leber aus dem Leib reißen. Dazu wäre er, wie die Leser wissen, in gefesseltem Zustand eigentlich gar nicht imstande. Dickens erzählt damit aber, wie man Kindern Angst machen kann, wie real ihnen jede ausgesprochene Drohung wird und wie manipulierbar sie dadurch werden. „Seit jener Zeit, die lange vorbei ist“, so heißt es in „Große Erwartungen“, „habe ich oft daran gedacht, wie wenige Erwachsene wissen, was Kinder für Seelenqualen erleiden, wenn man sie in Angst und Schrecken versetzt. Der Schrecken mag noch so unbegründet sein, Schrecken bleibt er.“

Es sind gerade die Szenen, wo Dickens seinen Blick auf die Kinder wirft, die sich einprägen und lange nachwirken. Oliver Twist, dieses Waisenkind, das noch nie Liebe, Zärtlichkeit oder auch nur Zuhören erlebt hat, muss über die Kunststücke der Diebe, die diese den Kindern vorführen, so lachen, dass ihm die Tränen kommen: Das rührt beim Lesen noch heute. Diese Rührung bei Dickens sei aber keine Rührseligkeit, schrieb der strenge Vladimir Nabokov, und weiter: „Ich möchte behaupten, dass diejenigen, die das Anrührende schlecht machen, gemeinhin nicht wissen, was Rührung ist.“ Die Gefühlsregung sei „intensives, subtiles, individualisiertes Mitgefühl“.

Musik:

Kate Winslet: „What if“ aus dem Film „Christmas Carol - The Movie“ von Steve Mac und Wayne Hector
Label: Interscope Records 4930352