Armengesetze

Zum 150. Todestag von Charles Dickens: „Oliver Twist“, zwischen 1837 und 1839 erschienen, ist eines der berühmtesten Werke des englischen Schriftstellers Charles Dickens.

Gedanken für den Tag 10.6.2020 zum Nachhören (9.6.2021):

Das Waisenkind Oliver Twist lebt im Armenhaus, bekommt seinen Namen per alphabetischem Zufall. Die Leiterin, so heißt es bei Dickens wörtlich, verwendete „den größeren Teil des Kostgeldes für den eigenen Bedarf und setzte die heranwachsenden Heimkinder auf noch schmalere Kost, als ursprünglich für sie vorgesehen war. Indem sie also zeigte, dass es auch für jene, die bereits ganz unten sind, noch weiter bergab gehen kann, erwies sie sich als große Expertin der angewandten Philosophie.“ Als „angewandte Philosophie“ verspottete Dickens die aufblühende Theorie des Utilitarismus. Dieser stellte das gesellschaftliche Handeln unter das Prinzip der Nützlichkeit und lieferte die Grundlage für die Armengesetze jener Zeit.

Spitzen gegen die Politik

In „Oliver Twist“ schreibt Dickens über die Ansichten des Vorstands des Armenhauses und er stellt damit ein Denken bloß, das auch heute noch gängig ist. Dieser Vorstand denkt nämlich so: „Den Armen gefiel es dort! Für das niedere Volk war es geradezu eine öffentliche Vergnügungsstätte, ein Wirtshaus, wo man nicht zu zahlen brauchte, gratis Frühstück, Mittagstisch, Teetafel und Abendbrot, das ganze Jahr hindurch, ein steingewordenes Elysium, wo man sich nur verlustierte und nicht zu arbeiten brauchte.“ Dickens’ Sarkasmus ist hier nicht zu überhören.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Literaturkritikerin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

Auf dieses Denken, die Armen würden es sich nur gutgehen lassen im Armenhaus, reagierte 1834 ein neues Armengesetz. Unterstützung gab es danach nur mehr für jene, die dann auch im Armenhaus wohnten. Alle anderen gingen leer aus. Um zu verhindern, dass allzu viele um Hilfe ansuchten, boten diese Armenhäuser möglichst schlechte Verpflegung und Unterkunft, Ehepaare wurden getrennt. Die Abschreckung funktionierte. Der Zweck war erreicht. Der Zweck, möglichst wenig Menschen unterstützen zu müssen.

Sowohl als Journalist als auch als Literat wetterte Charles Dickens gegen diese Art der Effizienz. So ist auch sein Roman „Oliver Twist“ voll mit Spitzen gegen diese Politik. Wenn der kleine Oliver sich schluchzend auf einem rauen und harten Lager in den Schlaf weint, kommentiert die Erzählstimme sarkastisch, als wäre es eine besondere Fürsorge, wenn man im Armenhaus wenigstens schlafen darf: „Welch schönes Bild der fürsorglichen Gesetze Englands! Sie lassen ihre Armenhäusler schlafen gehen!“

Musik:

Fisher: „Breakable“ aus: GREAT EXPECTATIONS / Original Filmmusik (THE ALBUM) von Kathy Fisher und Ron Wasserman
Label: Atlantic 7567830582