Politik als Beruf

1919 hielt Max Weber in München seinen berühmten Vortrag über „Politik als Beruf“. Es war der zweite Vortrag im Rahmen einer Reihe mit dem Titel „Geistige Arbeit als Beruf“, den eine Studentenverbindung organisiert hatte, die unter dem Einfluss der bürgerlichen Jugendbewegung stand.

Gedanken für den Tag 16.6.2020 zum Nachhören (bis 15.6.2021):

Ein Jahr zuvor hatte Weber über Wissenschaft als Beruf gesprochen. Beide Vorträge gelten als moderne Klassiker, der eine auf dem Gebiet der Politikwissenschaft, der andere für das Verständnis der modernen Wissenschaft.

Unter Politik versteht Weber „jede Art selbständig leitender Tätigkeit“ und definiert den modernen Staat als ein auf dem als legitim angesehenen Gewaltmonopol basierenden politischen Verband und als ein durch Gesetze geregeltes „Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen“.

Ulrich H. J. Körtner
ist evangelisch-reformierter Theologe

Das Rad der Geschichte

Noch immer aktuell sind Webers Ausführungen zum modernen Berufspolitikertum. Der Soziologe unterscheidet zwischen Gelegenheitspolitikern, Nebenberufspolitikern und Berufspolitikern. Es gibt solche, die für die Politik leben, und solche, die von ihr leben.

Während Beamte im Verwaltungsapparat nicht im eigentlichen Sinne Politik treiben – oder es doch nicht sollten, haben Politiker Führungs- und Gestaltungsaufgaben. Weber setzt vor allem auf charismatische Führungspersönlichkeiten, die aber nicht aus purem Machtwillen, sondern aus dem Prinzip der Verantwortung heraus handeln und bereit sind, Eigenverantwortung zu übernehmen.

Politik verschafft Macht, mit der verantwortungsvoll umzugehen ist. Damit, so Weber, „betreten wir das Gebiet ethischer Fragen.“ Und die Kernfrage, über die nachzudenken sich auch gegenwärtig lohnt, lautet in Webers Worten: „was für ein Mensch man sein muß, um seine Hand in die Speichen des Rades der Geschichte legen zu dürfen“. Ein Jahr nach dem Ibiza-Skandal ist diese Frage höchst aktuell.

Musik:

Albert Schweitzer Quintett: „Andante - 2. Satz“ aus: Quintett Nr. 17 in h-moll für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott op. 99 Nr. 5 von Anton Reicha
Label: Koch 999 0242