Verantwortungs- und Gesinnungsethik

Läuft Verantwortungsethik in der Politik nicht darauf hinaus, dass der Zweck die Mittel heiligt?

Gedanken für den Tag 20.6.2020 zum Nachhören (bis 19.6.2021):

Unumwunden erklärt Max Weber wörtlich: „Keine Ethik der Welt kommt um die Tatsache herum, daß die Erreichung ‚guter‘ Zwecke in zahlreichen Fällen daran gebunden ist, daß man sittlich bedenkliche oder mindestens gefährliche Mittel und die Möglichkeit oder auch die Wahrscheinlichkeit übler Nebenerfolge mit in den Kauf nimmt“. Ethik schützt uns auch nicht vor möglichen Dilemmata, in denen man nur zwischen zwei Übeln abwägen kann.

Ulrich H. J. Körtner
ist evangelisch-reformierter Theologe

Mit Leidenschaft und Augenmaß

Auch die Gesinnungsethik entkommt solchen Problemen nicht, es sei denn, um den Preis eines kompromisslosen Rigorismus. Allerdings besteht die Gefahr, auf die Weber hinweist, dass Gesinnungsethiker zu apokalyptischen Propheten mutieren. In radikalen Endzeitbewegungen wie zum Beispiel dem Täuferreich zu Münster 1534/35 ist es immer wieder dazu gekommen, dass ein anfänglicher Pazifismus in Gewalt umgeschlagen ist, mit der Begründung, das Reich des endzeitlichen Friedens auf dem Weg durch Vernichtung allen Bösens herbeizuführen.

Heute lassen sich Radikalisierungstendenzen in Teilen der Tierrechtebewegung und in der Klimaschutzbewegung beobachten. Radikale Befürworter eines kompromisslosen Politikwechsels sich bisweilen an den Spielregeln einer parlamentarischen Demokratie, zu deren Wesenselementen die Konsenssuche und der politische Kompromiss gehören. Auch rechte Bewegungen und Politiker verachten den Rechtsstaat und den Parlamentarismus. Eine lebendige Demokratie braucht allerdings nicht nur den Konsens, sondern auch den Konflikt, für dessen Austrag aber gemeinsam akzeptierte Regeln gelten müssen. „Die Politik“, so Max Weber wörtlich, „bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß.“ Das gilt für alle politischen Felder, nicht nur für den Klimaschutz.

Musik:

Christoph Eschenbach/Klavier und Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz/Kammersolisten: „Andante cantabile - 2. Satz“ aus: Quintett für Klavier, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott in Es-Dur op. 16 von Ludwig van Beethoven
Label: Signum X06-00