Die „Wilde Frau“

Über 50 Jahre stand sie am Herd und einem der besten Restaurants in Kärnten vor: Sissy Sonnleitner. Die Haubenköchin hat ihren Betrieb geschlossen, um Neues zu wagen, ein Stück weiterzugeben. Mit Klugheit, Spiritualität und Weisheit, die ihr das Leben schenkt.

Morgengedanken 1.7.2020 zum Nachhören (bis 30.6.2021):

Die Wissende – eine der drei Säulen meiner Geschichte – weist auf die Urkraft der Frau hin. Die „Wilde Frau“. Ich sehe sie als meine Instinktnatur, das andere Ich, die große Weise. Clarissa Pinkola Estés beschreibt sie in ihrem Buch „Die Wolfsfrau“ als „lebensspendende Schöpferin und hexenhafte Zerstörerin in einem“.

Sissy Sonnleitner
ist Haubenköchin in Kötschach-Mauthen in Kärnten

Wild und weise

Für mich ist die Beschäftigung mit der Wilden Frau das Wissen um die Seele. Ohne diese Praxis fehlt uns Frauen der Zugang zu unseren inneren Sinnesorganen, zu unseren unteren Oktaven. Sie ist das Herz der Psyche und reguliert das Seelenleben auf eine ähnliche Weise wie das organische Herz den physischen Körper. In vielen Lebensbereichen fehlt sie uns heute: Wenn uns das rechte Maß abhandenkommt und wir uns in einer Welt bewegen, in der nur das „schneller, höher, weiter“ zählt. Wenn wir das heilsame Liebesgefühl, das nur das Selbst für das Selbst empfinden kann, einem Liebhaber mit viel Aufwand und erotischem Einsatz entlocken wollen. Wenn wir die Unkenntnis über unsere wahre Wesensnatur hinter einer gut geschminkten Fassade und einer Staubwolke von Hyperaktivität verbergen.

Wir sind kurzatmig geworden. Es ist wohl kein Zufall, dass Covid-19 eine Lungenkrankheit ist. Warum mir so viel an der Wissenden liegt, dieser Wilden Frau? Ich denke, ohne uns geht sie zugrunde, und ohne sie verkümmern wir mehr und mehr. Um das Leben voll auszukosten, brauchen wir die Wilde Frau in uns.