Geschenktes Lächeln

Wir alle freuen uns über Geschenke, sei es zum Geburtstag zu Weihnachten oder einfach so zwischendurch. In der Regel sind es materielle Aufmerksamkeiten. Dass auch unser Leben Geschenke bereithält, davon handeln die Morgengedanken der kommenden Woche von Christine Haiden.

Morgengedanken 5.7.2020 zum Nachhören (bis 4.7.2021):

Meinem Schreibtisch gegenüber steht ein Foto, das meine Großmutter Barbara bei einem Festessen anlässlich ihres 90. Geburtstages zeigt. Die Haare sind wie zeitlebens zurückgekämmt und zu einem Schopf aufgesteckt, der Kragen des Kleides ist weiß ausgeschlagen, vor allem aber, sie lächelt mich an.

Christine Haiden
ist Chefredakteurin der Zeitschrift „Welt der Frauen“ in Linz

Ein Geschenk zum Weitergeben

So hat sie es oft gemacht. Sie musste nie betonen, dass sie uns Enkel mochte, das hätte auch gar nicht zur wortkargen Sympathie ihrer kleinbäuerlichen Welt gepasst. Wir haben es gespürt. Bei ihr waren wir angenommen. Ohne Bedingung. Großmutter Barbara hat in unserem Haushalt gewohnt. Sie war der Fels in den Brandungen des oft schwierigen Familienlebens. Sie war das erste, große Geschenk des Lebens an meine Geschwister und mich. Als Großmutter Barbara im hohen Alter von fast 98 Jahren gestorben ist, war ich untröstlich.

Damals habe ich verstanden, was Liebe ist, wie schmerzlich es ist, einen geliebten Menschen nie mehr wieder zu sehen. Lange hätte ich ein Foto von ihr in meiner Umgebung nicht ausgehalten, es hätte zu weh getan. Heute bin ich glücklich, dass sie mir gerahmt gegenübersteht und wieder lächelt. Ich versuche, dieses Lächeln weiter zu schenken. Es hat mir den Weg ins Leben geebnet. Vielleicht pflanzt sich das fort.