Von Heimatlosigkeit und Erlösung

Zum 160. Geburtstag von Gustav Mahler: An meine erste Radiosendung kann ich mich nicht erinnern. Aber ich kann mich ganz genau erinnern, wie ich als 16-Jährige zum ersten Mal öffentlich über Gustav Mahler gesprochen habe. Ich seh’ sogar noch den karierten DinA4-Block, auf dem ich mit einem feinen schwarzen Filzstift mein einstündiges Referat geschrieben habe.

Gedanken für den Tag 6.7.2020 zum Nachhören (bis 5.7.2021):

Es war Sommer und während ich schon daran arbeitete, entdeckte ich, dass ich es genau einen Monat vor seinem Geburtstag halten würde. Erst hatte ich Sorge, die Schulstunde nicht füllen zu können, dann habe ich kaum gewusst, wo und wie kürzen, am liebsten hätte ich den ganzen Vormittag lang erzählt von „meinem“ Gustav Mahler, dessen Musik mir damals schon seit ein paar Jahren half zu leben, neben Büchern, Natur und - Gustav Mahler würde hier vielleicht auch formulieren - „dem lieben Gott“.

Mirjam Jessa
ist Journalistin und Ö1-Moderatorin

Der Glaube eines Kindes

Wie im vierten Satz seiner 2. Symphonie, wo erstmals in einer Mahlersymphonie eine menschliche Stimme singt - und zwar ein schlichtes Wunderhorn-Lied. Es ist die Stimme des naiven Glaubens einer Seele, einer Seele, die sich ihrer Abstammung von Gott gewahr wird und wieder zu ihm zurück will. Sie singt: „Da kam ich auf einen breiten Weg. Da kam ein Engelein und wollt mich abweisen.“

Wie liebevoll Mahler die Szene der Seele schildert, die Solovioline spielt am Wegesrand auf, um der suchenden Seele Mut zu machen, nachdem das Englein mit einem Glissando nach unten die Seele bedauernd abgewiesen hat. Aber die Seele sagt: „Ach nein! Ich ließ mich nicht abweisen! Ich bin von Gott, und will wieder zu Gott! Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben, wird leuchten mir bis in das ewig selig Leben!“

Mahler – das wissen wir vom Mahler-Vertrauten, dem bedeutenden Bühnenbildner Alfred Roller – war zwar zutiefst religiös, aber nicht im Sinne der christlichen oder irgendeiner anderen Religion. Er war gläubig. Deshalb hat er auch nie eine Messe komponiert. Sein Glaube, so Roller, war der eines Kindes: „Gott ist die Liebe und die Liebe ist Gott.“

Musik:

Jessye Norman/Alt, Eva Marton/Sopran, Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Lorin Maazel: „Urlicht“. Sehr feierlich, aber schlicht / 4. Satz aus: Symphonie Nr. 2 c-Moll für Sopran, Alt, Chor und Orchester „Auferstehung“ von Gustav Mahler
Label: Sony Classical S2K 38667