Lieb und Leid

Auf der Straße steht ein Lindenbaum. Der 19-jährige Student Gustav Mahler schreibt in einer Lebenskrise, ausgelöst durch Liebeskummer, einen der längsten Briefe seines Lebens.

Gedanken für den Tag 9.7.2020 zum Nachhören (bis 8.7.2021):

Darin schildert der immens Belesene sich selbst wie Eichendorffs Taugennichts im Wipfel einer Linde sitzend und von dort oben die Welt betrachtend. In seinem Leid tröstet ihn der Baum, schmiegt seine Blätter zärtlich an seine Wangen. „Überall Ruhe! Heiligste Ruhe“. Der gesamte Brief ist von so hoher sprachlicher Qualität, wie übrigens auch ein Gedicht aus dieser Zeit, dass es plausibel erscheint, dass Mahler eine Zeitlang überlegte, ob er Komponist oder Dichter werden soll. Mit dem Motiv des Lindenbaums knüpft er bewusst an Schubert an und natürlich an die Symbolik und Metaphorik der Linde, die für Geborgenheit, Schutz, Mütterlichkeit steht und weiter gedacht für Erlösung, was auch Tod bedeuten kann, Auslösung, Aufgehen in der Schöpfung.

Mirjam Jessa
ist Journalistin und Ö1-Moderatorin

Der Lindenbaum

Fünf Jahre später, inzwischen als junger Kapellmeister in Kassel engagiert und wieder tief unglücklich verliebt, schreibt er aus Liebesschmerz sechs Gedichte. Vier davon hat er vertont: Die Lieder eines fahrenden Gesellen. Im letzten Lied, in dem ihn zunächst die blauen Augen der Geliebten in die weite leere feindliche Welt verbannen, wie Schuberts Müllersburschen, wie den Wanderer der Winterreise, rettet er sich zum Schluss unter einen Lindenbaum. „Da hab’ ich zum ersten Mal im Schlaf geruht! Unter dem Lindenbaum, Der hat seine Blüten über mich geschneit, Da wusst’ ich nicht, wie das Leben tut, War alles, alles wieder gut!“.

In der Orchesterfassung klingt dieser zweite tröstliche Teil des Lieds schon an das viel später komponierte Adagietto der Fünften an – das Einswerden mit der Welt, das Sich-Auflösen, übersetzt Mahler hier zutiefst ergreifend in Musik. Adorno schrieb, er verknüpfe hier Trauer und Auflösung. Und die letzten Zeilen „Lieb und Leid und Welt und Traum“ enthalten den essentiellen Mahler, bei dem das eine ja nie ohne das andere existiert, aber alles nach dem Moment der Versöhnung der Gegensätze strebt, eben nach Erlösung.

Musik:

Olaf Bär/Bariton und Linos Ensemble: „Die zwei blauen Augen von meinem Schatz“ aus: LIEDER EINES FAHRENDEN GESELLEN von Gustav Mahler / Bearbeitung für eine Singstimme, Flöte, Klarinette, 2 Viol., Viola, Violoncello, Kontrabaß, Klavier und Harmonium von Arnold Schönberg 1920
Label: Capriccio 10863