Der Welt abhanden gekommen

Zum 160. Geburtstag von Gustav Mahler: „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ – wieder und wieder habe ich die Plattennadel genau dort aufgesetzt, wo dieses Rückert-Lied beginnt, das mir mit 16 Jahren genau mein Lebensgefühl spiegelte.

Gedanken für den Tag 10.7.2020 zum Nachhören (bis 9.7.2021):

Wenn Dietrich Fischer-Dieskau davon singt, dass er dem Weltgetümmel gestorben sei, dass die Welt wohl glauben mag, er sei gestorben und dass ihm das quasi auch ganz recht sei, denn er wolle ja wirklich nichts mehr von ihr wissen, sondern in Konzentration und Ruhe leben, „in einem stillen Gebiet, in meinem Himmel, in meinem Lieben, in meinem Lied.“

Mirjam Jessa
ist Journalistin und Ö1-Moderatorin

Sonnenzerstäubende Lichtklage

Aber so ein Lied begleitet einen ein Leben lang, das Verständnis und die Empfindung dafür wachsen mit einem mit. Andererseits kann es mich wohl nie wieder so aufwühlen, mich nie wieder so existentiell erschüttern wie damals, als noch nichts durch Erfahrungen relativiert war.

Von Gustav Mahler selbst sind kaum Kommentare zu seinen Rückert-Liedern überliefert. Über „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ hat er nur gesagt: „Es ist Empfindung bis in die Lippen hinauf, die sie aber nicht übertritt. Und: das bin ich selbst!“

Der schönste Text dazu stammt vom großen Gert Jonke: „Das bemerkenswerteste und berührendste der am Wörtherseesüdufer komponierten Lieder Gustav Mahlers ist aber wohl jenes „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, in dem sich der Dichter Rückert gemeinsam mit dem Komponisten Mahler in der eigenen Dichtung und Musik, in ihrer allerpersönlichsten Gesamtheit auflösen und im eigenen, soeben beendeten Kunstwerk zu verschwinden scheinen. Und als würde der Körper des Sängers nach den letzten Tönen des Liedes immer neuerlich verdunsten, gewissermaßen im soeben gesungenen Lied immer wieder für immer verschwinden oder sich verwandeln in seinen eigenen Gesang zu einer sonnenzerstäubenden Lichtklage, die bei jedem neuerlichen Aufklingen dieser Musik durch die ganze Atmosphäre des Planeten flimmert“.

Musik:

Dietrich Fischer Dieskau/Bariton und Leonard Bernstein/Klavier: „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ von Gustav Mahler und Friedrich Rückert
Label: Sony classical SMK 61847