Dreifache Heimatlosigkeit

Einen der bekanntesten Aussprüche von Gustav Mahler hat es so vielleicht nie gegeben. Denn allem, was Alma Mahler-Werfel über ihren Mann geschrieben hat, ist mit größter Skepsis zu begegnen und den Satz von der dreifachen Heimatlosigkeit - als Böhme in Österreich, als Österreicher in Deutschland und als Jude in der ganzen Welt – kennen wir nur durch Alma.

Gedanken für den Tag 11.7.2020 zum Nachhören (bis 10.7.2021):

Dem gegenüber stehen Briefzitate aus drei Jahrzehnten, die in Variationen den Satz wiederholen „Leider bleibe ich ein eingefleischter Wiener.“ Das „Leider“ ist bezeichnend, war und ist doch diese Liebe, denken wir an das offizielle Wien, einseitig. Schon im November 1926 tagte zum ersten Mal ein Komitee zur Errichtung eines Gustav Mahler-Denkmals, das übrigens anfangs am Schwarzenbergplatz hätte stehen sollte, dort, wo seit 1945 das Russendenkmal alles überragt. Bis 1938 scheiterte das Vorhaben an immer neuen Hindernissen bis schließlich das dafür gesammelte Geld von den Nazis konfisziert wurde. Mahler-Denkmal oder gar Mahler-Gedenkstätte gibt es bis heute keine in Wien.

Mirjam Jessa
ist Journalistin und Ö1-Moderatorin

Klangschönheit und melodische Wärme

Dazu passt wie das Gesellenlied „Ging heut’ Morgen übers Feld“ zum Schluss plötzlich eine Wendung zur Frage der eigenen Existenz nimmt. Die Musikwissenschaftlerin Julia Spinola hat das so ideal formuliert, dass ich mit ihren Worten enden möchte: „Am Ende des zweiten der „Lieder eines fahrenden Gesellen“ stellt sich der Wanderer mitten in einer im Sonnenlicht funkelnden mütterlich zugewandten Natur die Frage nach seinem Schicksal: „Nun fängt auch mein Glück wohl an?“ Die niederschmetternde Antwort gibt er sich sogleich selbst: „Nein! Nein! Das ich mein, mir nimmer, nimmer blühen kann.“

Sie erhält in der Vertonung keine Spur von Bitterkeit oder Resignation. Stattdessen taucht Mahler die Worte in eine Musik voller Klangschönheit und melodischer Wärme. Der weit geschwungene Gesang sinkt in eine tröstliche Wendung, die träumerisch zu Ende geführt wird. So löst sich unaufhebbare irdische Heimatlosigkeit in überirdische Schönheit auf.“

Musik:

Olaf Bär/Bariton und Linos Ensemble: „Ging heut’ morgen übers Feld“ aus: LIEDER EINES FAHRENDEN GESELLEN von Gustav Mahler / Bearbeitung für eine Singstimme, Flöte, Klarinette, 2 Viol., Viola, Violoncello, Kontrabaß, Klavier und Harmonium von Arnold Schönberg 1920
Label: Capriccio 10863