Die Würde Europas

„Zustände wie in Moria habe ich an keinem anderen Ort der Welt gesehen. Und das will was heißen, ich bin seit 1991 in der Katastrophenhilfe tätig“, sagt Thomas Osten-Sacken über das Camp auf der Insel Lesbos.

Zwischenruf 19.7.2020 zum Nachhören (bis 18.7.2021):

20.000 Menschen leben dort, zusammengepfercht auf einem Raum, der für 3.000 Flüchtlinge ausgelegt ist. 500 Personen müssen sich eine Dusche teilen. Auf 1.300 Menschen kommt eine Wasserzapfstelle.

Maria Katharina Moser
ist Direktorin der Diakonie Österreich

Tausende Menschen in verzweifelter Lage

„Moria ist kein Flüchtlingslager“, sagt der erfahrene Katastrophenhelfer. „Wäre es ein rechtmäßiges Flüchtlingslager, müsste es Wasser, Lebensmittel, Sanitäranlagen, Gesundheitsversorgung geben. Aber Moria ist ein Hotspot.“

Moria. Einer von fünf EU-Hotspots in Griechenland. Ursprünglich eingerichtet, um in der EU ankommende Asylsuchende zu registrieren und dann rasch aufzuteilen auf die EU-Mitgliedsstaaten. Doch aus einigen wenigen Tagen sind Wochen, Monate, Jahre geworden. Für 42.000 Menschen – über die Hälfte sind Frauen, Kinder und Jugendliche – gibt es kein Weiterkommen, auf unbestimmte Zeit müssen sie auf den griechischen Inseln ausharren unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Gebetsmühlenartig weisen die Diakonie und andere Hilfsorganisationen, die evangelische und andere Kirchen auf die verzweifelte Lage der Flüchtlinge hin. Seit 2016. Gebetsmühlenartig fordern sie, wenigstens unbegleitete Minderjährige und kranke Kinder mit ihren Familien raus zu holen aus dieser Hölle. Sie in Österreich und anderen europäischen Ländern unterzubringen und hier die Asylverfahren durchzuführen.

Jeder kann helfen

Gebetsmühlenartig fordern sie mehr Hilfe vor Ort – und helfen selbst. Die Diakonie Katastrophenhilfe hilft aktuell im Camp Moria mit Trinkwasser in gefrorener Form. So können die Flüchtlinge die wenigen Lebensmittel, die sie haben, kühl halten, und haben gleichzeitig genug zu trinken. Der Appell, Schutzsuchenden auf den griechischen Inseln vor Ort zu helfen und besonders Verletzliche aufzunehmen, stößt in Zeiten von Covid-19 immer wieder auf den Einwand: Wir haben jetzt wahrlich genug zu kämpfen mit den sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise hier bei uns!

Zwischenruf
Sonntag, 19.7.2020, 6.55 Uhr, Ö1

„Gott beschenkt uns, damit wir im Rahmen unserer Möglichkeiten selber Schenkende werden können.“ So formuliert der evangelische Theologe Miroslav Volf eine zentrale christliche Lebenshaltung. Ja, die Möglichkeiten spielen eine Rolle beim Helfen. Aber erstens sind die Möglichkeiten Österreichs als eines der reichsten Länder dieser Welt trotz Corona groß. Und zweitens kann jeder und jede, wirklich jeder und jede etwas geben.

Geben gehört zur Würde des Menschen

Die Geschichte vom Scherflein der armen Witwe im Markusevangelium erzählt davon. Wie die Reichen legt auch sie Geld in den Opferkasten. So viel sie eben geben kann. Das Geben ist in den jungen christlichen Gemeinden nicht mehr den Königen und Beamten vorbehalten, die durch Wohltätigkeit ihre Macht zeigen. Auch die kleinen Leute können wohltätig sein – oder wie wir es heute ausdrücken - solidarisch. Es gehört zur Würde des Menschen, etwas geben zu können – zur Würde aller und jedes einzelnen Menschen.

In den EU-Hotspots droht nicht nur die Würde der Geflüchteten im Elend zu versinken – auch die Würde Europas, unsere Würde als Europäer und Europäerinnen, als Österreicher und Österreicherinnen droht zu versinken, wenn wir nicht helfen und zulassen, dass Menschen mitten in Europa unter derart elenden Bedingungen ausharren müssen. Wie gesagt, geben gehört zur Würde des Menschen.