Opferfest in der Pandemie

Wir befinden uns in einer außergewöhnlichen Situation. Es herrscht eine Pandemie auf der gesamten Welt, die eine große Prüfung für alle Menschen darstellt.

Zwischenruf 26.7.2020 zum Nachhören (bis 25.7.2021):

Gerade jetzt steht für Musliminnen und Muslime aktuell das Opferfest bevor, das direkt verbunden ist mit der Pilgerzeit, der Reise in die Heilige Stadt Mekka. Es ist eine Zeit, die die meisten von uns niemals so erlebt haben. Die Kaaba, das Ziel der Reise, steht fast leer da, besucht wird sie nur von einigen Einheimischen. Es ist das erste Mal, dass diejenigen, die ihre Pilgerfahrt vollziehen möchten, nicht zur Kaaba, der heiligsten Stätte des Islam, pilgern können. Auch von Österreich aus wird heuer niemand hinreisen können. Das ist für mich sehr traurig - jedoch in dieser Zeit eine Notwendigkeit, um sich selber und andere vor Corona zu schützen.

Ramazan Demir
ist Imam und muslimischer Religionspädagoge

Soziales Handeln im Mittelpunkt

Warum das Opferfest? Es geht zurück auf eine koranische (und auch biblische) Überlieferung: Gott fordert von Ibrahim – Abraham heißt er in der Bibel –, seinen Sohn zu opfern. Ibrahim ist bereit, das zu tun – doch im entscheidenden Moment schickt Gott ein Tier: Dieses gilt es zu schlachten. Der Sohn bleibt am Leben: Gott will kein Menschenopfer. Im Islam wird zum Opferfest ein Tier geopfert: zur Erinnerung an das Gottvertrauen und die Gottergebenheit von Abraham, dem Allah befahl, seinen geliebten Sohn als Zeichen seiner Ergebenheit zu opfern. Es war eine Prüfung Gottes. Ibrahim hat sie bestanden.

Der Islam ist eine Religion, in der soziales Handeln zentral ist. Und so ist das viertägige Opferfest eine Zeit der Unterstützung und des Teilens: Man beschenkt seine Mitmenschen, vor allem die Bedürftigen, mit Fleisch. Gerade in solchen Zeiten ist es mir wichtig, nicht die sozial Schwachen, vor allem die Obdachlosen, in unserem Land zu vergessen. Gerade jetzt, wo viele ihre Arbeit verlieren, geht es darum, sehr hellhörig zu sein und die bedürftigen Menschen in unserer Umgebung zu unterstützen.

Zwischenruf
Sonntag, 26.7.2020, 6.55 Uhr, Ö1

Zeit, um zu reflektieren

Diese Geschichte von Abraham und seinem Sohn ist auch in einer sehr ähnlichen Art und Weise im Christentum und im Judentum bekannt. Nicht nur hier gibt es Gemeinsamkeiten in den monotheistischen Religionen, sondern in vielen weiteren Bereichen. Jedoch ist das vielen nicht bewusst. Genauso wie unsere christlichen Freundinnen und Freunde zu Weihnachten oder zu Ostern in die Kirche gehen, so gehen die muslimischen Gläubigen an ihren Festtagen in die Moschee und verrichten ihr Gebet nach Sonnenaufgang mit der Gemeinde zusammen. Danach wird mit der Familie und mit Freunden gefeiert, die Kinder bekommen Geschenke und man besucht einander. Musliminnen und Muslime nutzen die Zeit des Opferfestes, bzw. wenn es möglich ist, der Pilgerfahrt, als Gelegenheit, um über das eigene Leben zu reflektieren und um über den Sinn des Lebens nachzudenken. Wir nutzen diese Zeit, um unser Vertrauen und unsere Beziehung zu Gott zu stärken.

Ich hoffe, dass die Pandemie bald vorbei ist und dass die österreichischen Bürgerinnen und Bürger wieder in die Heiligen Städte pilgern und ihrer religiösen Praxis nachgehen können. Um dann geistig und spirituell gestärkt für die Aufgaben des Alltags und den Dienst an der Gesellschaft zurückzukehren.