Lebenskunst 31.1.2021, Monika Prettenthaler

Bibelessay zu Deuteronomium 18,15-20

Wem können Menschen angesichts alltäglich neuer Herausforderungen vertrauen? Wer spricht mit welcher Autorität? Wie kann ich eine seriöse Expertin von einem nur scheinbar ernsthaften Fachmann unterscheiden, der aber letztlich die eigene Meinung als fundiertes Wissen „verkauft“?

Fragen, die sich nicht nur heute stellen, sondern die – wie die Textstelle aus dem Ersten Testament erzählt – seit Jahrtausenden Thema sind.

Monika Prettenthaler ist Psychotherapeutin und Theologin

Zuerst schaue ich auf den Kontext des biblischen Textes: Das Buch Deuteronomium steht am Ende der fünf Bücher Mose und ist literarisch als große Abschiedsrede des Mose – wie sein Testament – angelegt, die als Ganzes an die bisherige Geschichte Gottes mit seinem Volk erinnert: an die Versprechen des Gottes der Bibel ebenso, wie an seine Weisungen.

Das ist wichtig, weil es jetzt nach der Flucht aus der Sklaverei in Ägypten und im Übergang in das verheißene Land darum geht, mit der neu gewonnenen Freiheit verantwortungsvoll und ohne die Begleitung durch Mose umgehen zu können.

Mose fasst also zusammen, was Israel wissen und tun muss, damit das neue Leben, in dem die Liebe Gottes für sein Volk sichtbar bleibt, für alle gelingen kann.

In deutlicher Abgrenzung von Zauberern, deren zweifelhafte Methoden und Praktiken im Text vor der vorhin gehörten Stelle zusammengefasst werden, wird mit der Prophetie ein Spezifikum des Volkes Israel eingeführt: Wie Mose, werden von Gott berufene oder herausgerufene Frauen und Männer das verbindliche Wort Gottes für das Volk erschließen.

Auf dem weiteren Weg werden diese Prophetinnen und Propheten die Menschen in der Bewältigung des Lebens unterstützen. Genau darum geht es nämlich in der hier vorgestellten Form der Prophetie: Nicht Zukunftsansage oder Gegenwartskritik stehen im Mittelpunkt, sondern die Lebensgestaltung, die sich am Wort jenes Gottes orientiert, von dem die Bibel erzählt.

Lebenskunst
Sonntag, 31.1.2021, 7.05 Uhr, Ö1

Und noch eine deutliche Aussage lese ich: Eigene Ideen oder Vorstellungen als göttlich oder von Gott beauftragt, ausgeben oder autorisieren zu wollen, steht dem Dienst am gelingenden Leben entgegen – ja mehr noch: Das ist totbringend!

Immer wieder in der Geschichte der Menschheit und auch in der Gegenwart, meine ich, zeigt sich die Weisheit dieses biblischen Textes. Vermutlich nicht nur ich könnte einige Beispiele für selbsternannte Prophetinnen und Propheten nennen, die – oft auch unter dem Deckmantel des Namens Gottes – vereinfachende Heils- oder auch Unheilsbotschaften hinausschreien. Sie spalten, weil sie die Welt auf der Basis simplen Schwarz-weiß-Denkens gewaltsam in Gut und Böse teilen und ihrer Ideologie entsprechend, über Leben und Tod entscheiden möchten.

Wie anders reden und agieren bis heute jene Menschen, die ihren Zuspruch oder auch ihre kritischen Worte auf die Zusage bauen, dass die Gerechtigkeit oder im jüdisch-christlichen Kontext gesprochen: die Liebe Gottes für alle Leben in Fülle ermöglichen!

Auf der Grundlage dieser lebensbejahenden Botschaft kann ich auch heute jenen Prophetinnen und Propheten vertrauen, die mich immer wieder genau daran erinnern. Sie ermutigen mich damit, der Vielfalt und Unterschiedlichkeit im Leben und in der Welt mit Lust und Verantwortung zu begegnen.