Freitag, 19.3.2021, Karl Sigmund

Mit dem Zufall spielen

„Gott würfelt nicht“, hat Albert Einstein gesagt, und ein Witzbold hat hinzugefügt: „Aber wenn er würfelt, gewinnt er.“ Na ja.

Belegt ist jedenfalls, dass Menschen seit Jahrtausenden würfeln, also mit dem Zufall spielen. Umso erstaunlicher daher, dass sie erst seit 400 Jahren mit dem Zufall auch rechnen. Es begann mit ganz einfachen Fragen – warum erhält man mit zwei Würfeln eher die Summe 9 als die Summe 10? Aber bald wurde es ernster, und heute ist die Wahrscheinlichkeitsrechnung in Physik, Biologie und Wirtschaftswissenschaft unerlässlich.

Pragmatismus oder Gewissenlosigkeit

Niemand weiß, was der Zufall ist, aber rechnen können wir mit ihm. Interessanterweise verwendet man dazu Methoden, die für etwas ganz anderes entwickelt wurden, nämlich für die Berechnung von Volumen und Gewichten. Was hat Gewicht mit Wahrscheinlichkeit zu tun, Volumen mit Zufall? Das überlässt die Mathematik der Philosophie. Das ist nicht ihre Sache. Hauptsache, es funktioniert. Der Zweck heiligt die Mittel, könnte man sagen.

Karl Sigmund
ist Mathematiker

Die Mathematik ist das non plus ultra des Technologie-Transfers. So wurde beispielsweise die Theorie der Verzweigungsprozesse im 19. Jahrhundert entwickelt, um das Aussterben von Familiennamen zu untersuchen. Heute spielt die Theorie eine zentrale Rolle in der Genetik von Mikroben, in der Ausbreitung von Epidemien wie etwa Covid, oder bei der Untersuchung von Kettenreaktionen, die auf der Kernspaltung von Uran-Atomen beruhen.

Auch innerhalb der Mathematik selbst sind die Querverbindungen geradezu abenteuerlich. Es wird von überall her geborgt, was immer nützlich sein kann. Man mag das Pragmatismus nennen, oder Opportunismus. Robert Musil nannte es Gewissenlosigkeit. „Wenn man allzu gewissenhaft wäre“, liest man bei Musil, „so gäbe es keine Mathematik.“ Der Schriftsteller wusste, wovon er spricht: Er hatte Mathematik studiert.

Musik:

The Amsterdam Baroque Orchestra unter der Leitung von Ton Koopman: „Bergerie, un peu vivement – 2. Satz“ aus: Ouvertüre für 2 Oboen, Streicher und B.c. in B-Dur – Tafelmusik III Nr. 1 von Georg Philipp Telemann
Label: Erato 75394