Mittwoch, 12.1.2022, Wolfgang Müller-Funk

Der Geizhals und der Spott

Warum sind Habgier und Geiz oder das berechnende Scheffeln von Geld auf Kosten anderer attraktiv?

Ist Geiz wirklich geil, wie ein Werbespruch es nahelegt, der versucht, ein soziales Verhalten positiv zu wenden, das kaum Anziehungskraft besitzt. Das Kleinliche am Geiz lässt sich nicht wegwischen. Wer geizig ist, muss um Freundschaften bangen.

Wolfgang Müller-Funk ist Literaturwissenschaftler

Haben-Wollen beschert eine trügerische Sicherheit. Im Werk von Moliere, das vornehmlich im sozialen Milieu des frühkapitalistischen Bürgertums angesiedelt ist, spielt das Geld eine tragikomische Rolle. Harpagon, der Protagonist, in L‘Avare ou l‘Ecole du mensonge (Der Geizhals oder Die Schule der Lüge) ist so ein unsympathischer Zeitgenosse.

Bei der Uraufführung hat Moliere diesen Toren des Reichtums übrigens listigerweise selbst gespielt. Ein Gegenstand des Spotts kommt zur Aufführung: der sich entwickelnde Kapitalismus und sein Medium, das Geld. Es ist in die Menschen gleichsam eingeschrieben.

Von Charaktermasken wird zwei Jahrhunderte später Karl Marx sprechen. Habgier, Berechnung, Geiz, Sparsamkeit, Prahlerei, sind in der Welt des Geldes selbstverständliche Verhaltensweisen. Harpagon, einer der vielen lächerlichen Patriarchen der Moliere-Welt, will die Geliebte seines Sohnes zur Frau nehmen, weil sie sparsam ist. So verknüpfen sich ökonomischen Berechnung mit dem Begehren einer jungen Frau, die er für lenkbar hält.

Sein Geld gräbt er im Garten ein. Das Horten ist sein einziger Genuss, gönnt er sich doch letztendlich nichts anderes als die Freude an seinem Reichtum. „Wahrhaftig“, meint Harpagon, „es ist keine Kleinigkeit, eine große Geldsumme in seinem Haus aufzubewahren. Glücklich, wer sein Schäflein im trockenen und gerade nur so viel zur Hand hat, wie er für laufende Ausgaben braucht.“ Wovon und wofür er lebt, ist die Sorge um sein Geld.