Lebenskunst 18.9.2022, Sr. Christine Rod

Bibelessay zum 1. Timotheusbrief 2,1-18

Diese so genannten Pastoralbriefe, zu denen der erste Timotheusbrief gehört, sind eine Entdeckung für mich. Bisher habe ich sie kaum gekannt, und sie waren so etwas wie ein Anhängsel an die Briefe des Apostels Paulus, die im so genannten Neuen Testament neben den Evangelien ganz viel Raum einnehmen.

Die Pastoralbriefe wurden später geschrieben. Die unmittelbare Betroffenheit der Evangelien, die auf verschiedene Weise das Leben mit Jesus schildern, und die Reisen und Briefe des Paulus, aus denen die Entstehung der ersten christlichen Gemeinden abzulesen ist, sind vorbei.

Sr. Christine Rod
ist Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz

„Ein Leben, frei von Zorn und Streit“

In der Tradition wird der Brief Paulus zugeschrieben, und er richtet sich an seinen Freund und Schüler Timotheus. Nun waren aber sowohl Paulus als auch Timotheus schon längst nicht mehr am Leben, als der Brief geschrieben wurde, die Abfassungszeit war vermutlich an der Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert. Sind es also Fake News? Nein, das würde ich nicht sagen. Was wäre auch der Sinn einer solchen Vortäuschung gewesen? Es muss wohl etwas anderes dran sein, was an diesem Brief so bedeutsam ist, und ich schaue noch einmal genauer hin.

Paulus schreibt an Timotheus, der in Ephesus lebt und dort die christliche Gemeinde leitet. Ephesus war in der Antike eine der großen, modernen, schicken Metropolen, ein Umschlagplatz für Wirtschaft, Kultur, für Menschen unterschiedlicher Herkunft, für verschiedene Weltanschauungen und Religionen. Der berühmte Tempel der Artemis mit ihren 37 Brüsten ist der Inbegriff von Wohlstand und Fruchtbarkeit. Da drängt sich mir der Anklang an unsere heutige multikulturelle und säkulare Welt auf. Spannend! Was wird nun da dem Paulus in den Mund gelegt, was in einem solchen Umfeld, das unserer Zeit verblüffend ähnlich ist, für eine kleine christliche Gemeinschaft bedeutsam ist?

Ein erstes: Paulus fordert auf zu Bitte und Dank. Er „fordert“, d.h. er bringt mit Vehemenz ein, dass zu einem christlichen Leben und Glauben Dank und Bitte gehören. Dank, weil ich weiß, dass mir die wichtigsten Dinge im Leben geschenkt sind. Bitte, weil ich begriffen habe, dass ich als Mensch ein angewiesenes und verletzliches Geschöpf bin.

Gott will, dass alle Menschen gerettet werden

Zweitens: Paulus spricht von den Christen und Christinnen selbst: „…dass sie ungestört und ruhig leben können.“ Aha, es war damals also nicht so klar, als christliche Gemeinde in Eigenständigkeit und ohne Bedrohung leben zu können. Das ist vermutlich ein Unterschied zu heute.

Lebenskunst
Sonntag, 18.9.2022, 7.05 Uhr, Ö1

Drittens: Die Gemeinde soll für alle Menschen beten, und ganz besonders für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben. Der Blick geht über den eigenen kleinen Kreis hinaus. Ob die Gemeinde und die Stadt damals gute Verantwortliche hatten, weiß man nicht. Auf jeden Fall ist es ein Akt des Glaubens, für Menschen in Verantwortung zu beten. Aus christlicher Perspektive könnte man es so formulieren: Vielleicht brauchen Führungskräfte, Verantwortliche, Machthaberinnen, Politiker das Gebet und den Segen ganz besonders.

Und viertens: Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, heißt es in dem Text. Ich stelle mir diese große antike Stadt vor, mit guten und nicht so guten Menschen, mit der kleinen Schar von Christinnen und Christen und den vielen anderen, die an etwas oder jemand anderen oder gar nicht glauben. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden! Da verschlägt es mir beim Lesen fast die Sprache, und ich bin beinahe beschämt über meine eigenen kleinen Kreise. Gott ist, so lerne ich, größer, weiter, barmherziger, schöner als ich es mir vorstellen kann.