Lebenskunst 17.9.2023, Martin Jäggle

Bibelessay zu Sirach 27,30-28,1-7

Die weise Argumentation fasziniert mich in diesem Text aus der biblischen Weisheitsliteratur. Man kann beim Zuhören nur mit dem Kopf nicken und zustimmen. Ja, so ist es. Jede und jeder versteht, dass Rache üben eben kein guter Weg ist, da man doch selbst der Vergebung bedarf.

Groll und Zorn sind starke und allzu oft verständliche Emotionen. Diese werden im Buch Sirach nicht verurteilt. Kritisiert wird, wer an diesen Gefühlen festhält und sich weigert, davon loszulassen. Ich erinnere mich an den berühmten Wiener Psychiater Erwin Ringel. Nachdrücklich hielt er fest: „Sie sind nicht verantwortlich für Ihre Gefühle. Sie sind nur verantwortlich für die Konsequenzen, die Sie aus Ihren Gefühlen ziehen.“ Er ermutigte, die eigenen Gefühle als Realität zu respektieren. Wer sich aber diesen Gefühlen hingibt, sich etwa von Groll und Zorn beherrschen lässt, schädigt sich und andere.

Martin Jäggle
ist Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit

Sich wieder auf den Ewigen ausrichten

Um loslassen zu können bedarf es der Rückkehr zu Gott, hebräisch Teschuwa genannt, das legt der Text nahe: „Denk an die Gebote und grolle dem Nächsten nicht, denk an den Bund des Höchsten und übersieh die Fehler.“ Nächstenliebe – oder weniger religiös formuliert Empathie – und Vergebung sind tief im Judentum verankert, dem das Christentum beides verdankt.

Lebenskunst
Sonntag, 17.9.2023, 7.05 Uhr, Ö1

Heute Abend endet das zweitägige jüdische Neujahrsfest, Rosch haSchana, mit dem das Jahr 5784 eröffnet wird. Mit Rosch haSchanah beginnen auch die zehn Tage der Teschuwa, der Umkehr, die zehn ehrfurchtsvollen Tage bis zu Jom Kippur, dem Versöhnungstag. In dieser Zeit sind Jüdinnen und Juden aufgerufen, Teschuwa zu machen, um sich zu verbessern und sich wieder auf den „Ewigen“ auszurichten. Sie befassen sich mit ihrer Vergangenheit und freuen sich auf ihre Zukunft. Sie fühlen sich dem Göttlichen näher.

Der große jüdische Philosoph Maimonides schrieb: “Obwohl die Teschuwa und der Ruf (nach G-tt) für immer schön sind, ist er in den zehn Tagen zwischen Rosch haSchana und Jom Kippur am schönsten und wird sofort angenommen, wie es heißt: ‚Sucht den Herrn, solange er sich finden lässt, / ruft ihn an, solange er nahe ist.‘ (Jesaja 55: 6)."

Ich wünsche allen Jüdinnen und Juden „Schana Towa“ und lade alle ein, in Verbundenheit mit ihnen, sich in der kommenden Zeit der „ehrfurchtsvollen Tage“ von der jüdischen Tradition der Teschuwa inspirieren zu lassen.