Krätzl: Plädoyer für ein „zweifaches Priestertum“

Der emeritierte Wiener Weihbischof Helmut Krätzl schlägt angesichts des Priestermangels in seinem neuen Buch „Brot des Lebens" - Mein Weg mit der Eucharistie“ vor, auch verheiratete Männer zu weihen.

„Eucharistie ist der Schlüssel jeglicher Kirchenerneuerung“: Das betont der emeritierte Wiener Weihbischof Helmut Krätzl in seinem neuen Buch „Brot des Lebens“, das der Tyrolia-Verlag rechtzeitig zum diamantenen Priesterjubiläum des Autors herausbringt und seit Mittwoch erhältlich ist.

Der 82-jährige reflektiert darin vor dem Hintergrund, im Laufe seines Priesterdaseins „mindestens 20.000 Messen gefeiert oder mitgefeiert“ zu haben, über das zentrale Sakrament der Kirche, die Eucharistie. Der heute in vielen Ländern „erschreckend zunehmende“ Priestermangel schürt Krätzls Sorge, dass „Quelle und Höhepunkt“ gemeindlichen Lebens nicht mehr gewährleistet werden kann.

Gemeinsam Lösungen suchen

In seinem Buch ruft der Weihbischof zur Suche nach möglichen Auswegen aus dem Dilemma auf und fordert auch die Bischöfe auf, „nicht auf Lösungen aus Rom zu warten, sondern solche in gemeinsamer Verantwortung auch zu suchen und sie in Rom zu urgieren“.

Em. Weihbischof Helmut Krätzl

kathbild / Franz Josef Rupprecht

Helmut Krätzl

Das Anliegen sei dringlich, erklärt Krätzl in einem zentralen Kapitel seines Buches. Denn „ohne Eucharistie gibt es keine wirkungsvolle Neuevangelisierung“, zudem hänge von neu verstandener und gelebter Eucharistie der Fortschritt in der Ökumene ab, sie sei Gradmesser barmherziger Seelsorge, und zugleich wichtiger Anstoß, „sich im Geiste Christi für die Welt einzusetzen“.

Angesichts dessen staune er darüber, dass im laufenden Reformprozess in der Erzdiözese Wien „viel zu wenig von der Bedeutung der Eucharistie gesprochen“ werde. Manche Wiener Priester müssten bis zu fünf Pfarren betreuen, etliche Pfarren müssten sich an manchen Sonntagen mit einem Wortgottesdienst begnügen.

Zölibat statt Eucharistie?

Zugleich stellte der Bischof in Abrede, dass Gott zu wenig Priester berufe, es gebe mehr, „als wir heute wahrnehmen wollen“. Krätzl verwies auf Hunderte Theologiestudenten, auf Pastoralassistenten und Religionslehrer, die „derzeit nicht“ geweiht werden könnten, weil sie verheiratet sind. Seine Anfrage dazu: „Ist die Ehelosigkeit ein so hohes, unaufgebbares Gut, dass man um ihretwillen sogar in weiten Gebieten auf die Eucharistie verzichtet?“

Buchhinweis:

Helmut Krätzl, „Brot des Lebens -
Mein Weg mit der Eucharistie“ Tyrolia-Verlag
ISBN 978-3-7022-3355-6

Krätzl erinnerte an das Modell eines „zweifachen Priestertums“, das der Wiener Theologe Paul Zulehner vor einigen Jahren gemeinsam mit dem südafrikanischen Bischof Fritz Lobinger und dem Dogmatiker Peter Neuner entworfen hatte: Neben den bisherigen Diözesanpriestern könnte es „Gemeindepriester“ geben - erfahrene, bewährte Personen („viri probati“), die von ihrer Pfarrgemeinde ausgewählt und dann vom Bischof ebendort geweiht werden.

Sie würden dann der Eucharistiefeier vorstehen und die Gemeinde „aus deren Mitte heraus“ ehrenamtlich leiten. Österreichs Bischöfe sollten im Vatikan Lösungsvorschläge einbringen, wie der Gefahr der „Austrocknung der Eucharistie“ zu begegnen sei, forderte Krätzl auf.

Viele Fragen

Weihbischof Krätzl nimmt in seinem neuen Buch auch Stellung zu Fragen wie: Was hindert eine eucharistische Gastfreundschaft mit evangelischen Christen? Warum dürfen wiederverheiratete Geschiedene nicht zur Kommunion? Oder: Ist die Messe Priesterliturgie oder Feier der ganzen Gemeinde? Krätzls Überlegungen geben die aktuelle Eucharistietheologie wieder, „atmen aber auch die 60-jährige Erfahrung eines leidenschaftlichen Seelsorgers und Gottsuchers“, wie es im Verlagstext heißt.

Der mit Eucharistie-Bildern aus 2000 Jahren christlicher Kunst angereicherte Tyrolia-Band „Brot des Lebens. Mein Weg mit der Eucharistie“ wird am Mittwoch, 11. Juni, um 19 Uhr im Wiener Kardinal-König-Haus präsentiert. Nach einführenden Worten des Autors ist eine Podiumsdiskussion zum Thema „Priester und Eucharistie gestern, heute und morgen“ vorgesehen, an der neben Krätzl auch der Grazer Altbischof Johann Weber, die Religionspädagogin Andrea Moser und der Pfarrer in Kirchberg am Wechsel, Josef Grünwidl, teilnehmen werden.

religion.ORF.at/KAP

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