Vom Steinkreis zur Cyberkirche

Religionen und Vorstellungen über ein Leben nach dem Tod, Götter und Erlösung haben seit der Urgeschichte alle bekannten Kulturen der Welt begleitet. Einen Überblick und spannende Vergleiche bietet eine Bucherscheinung.

Universalgeschichtswerke verortet man eher im 19. Jahrhundert - hat eine Gesamtdarstellung der Religionsgeschichte, noch dazu „aus einer Hand“, heute noch eine Berechtigung? Ja, findet der deutsche Religionswissenschaftler Bernhard Maier, und präsentiert mit „Die Ordnung des Himmels“ genau das, eine Universalgeschichte der Religionen. Dabei weist er gleich in der Einleitung darauf hin, dass es in diesem weiten Feld so etwas wie Vollständigkeit nicht geben kann.

Steinmonumente von Stonehenge

APA/AFP/Leon Neal

Die Steinmonumente von Stonehenge deuten auf prähistorische Riten hin

Neben der Religion befasst sich Maier auch mit den politischen, kulturellen und ökonomischen Hintergründen der jeweils beleuchteten Gesellschaften als Nährboden und Grundvoraussetzung für die religiöse Entwicklung einer Kultur. So schafft er es, eine chronologische Linie von der Steinzeit bis heute durchzuziehen und einen breiten Überblick über sein Thema zu geben, aber zugleich anhand klug ausgewählter Vergleiche in die Tiefe zu gehen. Dabei ist das Buch auch noch erstaunlich gut lesbar.

Überblick mit Spezialkapiteln

Maier, Professor für Allgemeine Religionswissenschaft und Europäische Religionsgeschichte an der Universität Tübingen, publizierte schon über die Religion der Kelten sowie der Germanen. In seinem neuen Buch „Die Ordnung des Himmels“ liegt ein „gewisser Schwerpunkt auf der Religionsgeschichte Europas und des Vorderen Orients“ sowie auf den Religionen Asiens. Dabei sollten aber auch „die indigenen Religionen Afrikas, Amerikas und Eurasiens“ berücksichtigt werden, ebenso wie weniger bekannte, untergegangene Traditionen.

Buchcover von Bernhard Maiers "Die Ordnung des Himmels"

C H Beck

Buchhinweis

Bernhard Maier: Die Ordnung des Himmels. Eine Geschichte der Religionen von der Steinzeit bis heute. Beck, 576 Seiten, 30,80 Euro

Das Buch ist chronologisch gehalten, mit Überblickskapiteln, die sich punktuell und religionenübergreifend einzelnen Themen widmen. So behandelt etwa das Kapitel „Fixierung der Offenbarung und Kanonisierung: Heilige Schriften“ die Bibel und die Apokryphen sowie den Koran und die Hadithen, es stellt aber auch wichtige buddhistische und hinduistische Texte vor.

Bestattungen Zeugnisse von Religion?

„Die Ordnung des Himmels“ beginnt mit Spuren menschlicher Religiosität in der Steinzeit. Dabei stellt Maier die spannende Frage, inwieweit Bestattungen eigentlich als „älteste Zeugnisse von Religion“ gelten könnten.

Die Art und Weise, wie frühe Menschen ihre Toten in den Gräbern arrangierten und die Rolle von Grabbeigaben deuteten jedenfalls auf lebhafte Jenseitsvorstellungen hin. Am Beispiel steinzeitlicher Monumentalbauten wie Stonehenge erläutert Maier den Zusammenhang zwischen „Grab- und Totenbrauchtum“ und - vermuteten - prähistorischen Riten, die mit Funden von Tierknochen nahe der Anlage in Zusammenhang gebracht werden.

Menschenbild „schwer zu fassen“

Ausgiebig widmet sich der Religionswissenschaftler den altorientalischen Großreichen wie Ägypten und Mesopotamien sowie den Kulturen der Hethiter und Sumerer: Hier finden sich bereits zahlreiche schriftliche Quellen, die für die Religionsgeschichte aufschlussreich sind. Maier weist dennoch darauf hin, wie „schwer zu fassen“ etwa das Menschenbild des alten Mesopotamien für heute lebende Menschen ist.

Steinstatue der Göttin Astarte auf einem Thron, 6. Jh. v. Chr.

Public Domain

Steinstatue der Göttin Astarte auf einem Thron, 6. Jh. v. Chr.

Von „Maat“ und „Seele“

Dem Verständnis auch für Kulturen, die durch zahlreiche Artefakte und Schriftwerke vergleichsweise gut belegt sind, wie etwa die altägyptische, seien Grenzen gesetzt, so der Autor. So kannten die alten Ägypter beispielsweise drei Worte für unseren Begriff „Seele“. Der Begriff „Maat“ wiederum hat in unserer Sprache gar keine Entsprechung und kann mit „Weltordnung“ oder auch „Gerechtigkeit“ nur ungenau umrissen werden.

Was Göttinnen gemeinsam haben

Maier zieht viele Vergleiche zwischen verschiedenen, auch weit voneinander entfernten Kulturen: So hebt er unter anderem die große Bedeutung von Göttinnen hervor, die für Liebe, Sexualität und Fortpflanzung „zuständig“ waren (sie werden oft unter „Fruchtbarkeitsgöttinnen“ subsummiert). Er sieht bei der sumerischen Inanna, der akkadischen Ischtar, Schawuschka aus Kleinasien, Astarte in Syrien und der griechischen Aphrodite „sehr ähnliche“ Wesenszüge und Attribute, obwohl sie in sehr verschiedenen Kulturen angebetet wurden.

Der Prophet Mohammed predigt vor Anhängern, Illustration in einer osmanischen Handschrift, 17. Jhdt.

Public Domain

Der Aufstieg des Islam wird skizziert

Anders sehe das etwa bei Totengottheiten aus, wo es mehr unterschiedliche Vorstellungen gebe - sowohl in den „Formen der kultischen Verehrung“ als auch in den Jenseitsvorstellungen der jeweiligen Kultur. Maier ordnet auch auf der theoretischen Ebene wichtige Themen und Begriffe ein: Warum etwa das Konzept der „Achsenzeit“ (der Begriff stammt von Karl Jaspers und meint die Zeit von 800 bis 200 v. Chr.) besonders viel Anklang bei den Christen fand, wird hier verständlich.

Weltreligionen und „kleinere“ Kulte

„Die Ordnung des Himmels“ gibt einen Überblick über Opferpraktiken, Orakel und andere typische Merkmale antiker Kulte. Er vergleicht den Einfluss älterer Mythen auf zahlreiche Religionen von der mykenischen Kultur bis zum modernen Hinduismus. Der weitreichende Einfluss des Hellenismus, die Entwicklung des Judentums und die Anfänge des Christentum sowie der Aufstieg des Islams und andere wichtige Wendepunkte erklärt Maier ebenso anschaulich wie unbekanntere, „kleinere“ Religionen.

Unter dem Begriff „Spezialisierung“ stellt das Buch buddhistisches und europäisches Mönchtum und das Rabbiner-Amt nebeneinander. Die Entstehung des Christentums und der Aufstieg des Islam werden mehr „angerissen“ als so ausführlich behandelt, wie man sich das vielleicht erwarten würde - das ist aber dem Überblickscharakter des Buchs geschuldet. So finden auch Religionen, über die man kaum jemals liest, hier Raum und Erwähnung, wie der Neokonfuzianismus und Religionen Afrikas.

Illuminaten, Islamisten, Ideologien

Der Religionswissenschaftler beleuchtet die Interaktionen zwischen der Aufklärung und Religionen in Religionsphilosophie und Aufklärungstheologie und erzählt von der „Suche nach der Urreligion“. Auch Freimaurern, Rosenkreuzern und Illuminaten ist ein Kapitel gewidmet. Ursachen und Folgen „völkischer Ideologien und Neuheidentum“ sowie Wurzeln von Antisemitismus, aber auch des „modernen“ Islamismus werden beleuchtet.

Ein buddhistischer Mönch macht ein Foto mit einem Smartphone

APA/AFP/Ye Aung Thu

Moderne Medien veränderten auch Religionen, so Autor Maier

Pietismus, New Age und Pfingstbewegung

Die „neueren“ Religionen des 19. und 20. Jahrhunderts sowie Sekten und New-Age-Bewegungen, die häufig ihren Ursprung in fernöstlichen Religionen haben, stellt das Buch in einen Kontext mit Religionen wie zum Beispiel dem brasilianischen Condomble. Der gewaltige Aufschwung des Evangelikalismus, der Freikirchen und der Pfingstbewegung sei „ohne den Pietismus und die Erweckungsbewegung kaum vorstellbar“.

Die Rezeption von Religionen in den Medien markiert den Schluss des Buchs: Als Cyberkirchen bezeichnet man Glaubensgemeinschaften, die sich „in erster Linie oder überhaupt nur über das Internet konstituieren“, so Maier. Gedanken und Fakten darüber, wie sehr moderne Medien auch die Religionen verändert haben, bilden Abschluss und Ausblick. Wie tief sich Religion in die geistige DNA der Menschheit eingeprägt hat, kann „Die Ordnung des Himmels“ überzeugend vermitteln.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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