„Conchita meets Jesus“: Popkultur und Christologie

Die junge, protestantische Theologin Mariecke van den Berg hat, ausgehend von der Kunstfigur Conchita Wurst, eine sehr unkonventionelle Christologie entwickelt.

Conchita Wurst, im bürgerlichen Leben Tom Neuwirth, eine vollbarttragende Drag-Queen gewann 2014 mit „Rise like a Phoenix“ den Eurovisions-Songcontest. Es ist ein Lied über die Unsterblichkeit, das Geboren-Werden aus der eigenen Asche. Popularität, Solidarität, aber auch Abneigung waren die Folgen.

Das Spiel mit Attributen von Mannsein und Frausein (Make-up und Bart), das Bekenntnis zur eigenen Homosexualität und kürzlich auch zu einer schon jahrelang vorhandenen HIV-Infektion, machten und machen die Kunstfigur Conchita Wurst zu einer durchaus nicht unumstrittenen Gestalt. Und genau in dieser Gestalt sieht die holländische, evangelisch-reformierte Theologin Mariecke van den Berg jesuanische Züge.

Conchita Wurst

APA/AFP/Jonathan Nackstrand

Conchita Wurst hat nach Ansicht der holländischen Theologin Marieke van den Berg nicht nur optische Ähnlichkleiten mit Jesus-Darstellungen.

„Als sie 2014 den Eurovisions-Songcontest für Österreich gewonnen hat, haben viele gesagt: sie sieht irgendwie wie Jesus aus. Und ich wollte wissen, was hinter dieser Wahrnehmung steckt.“ Abgesehen von den Äußerlichkeiten gehe es um mehr, auch um etwas Theologisches, so van den Berg.

Geschichte, von jemandem, der „anders“ war

Die Geschichte Tom Neuwirths ist die, von einem, der „anders“ war und der das verbergen musste. Ab dem Songcontest stand er im Rampenlicht und zeigte sein wahres Gesicht, er stieg sozusagen aus der Asche empor, wie im Lied „Rise Like a Phoenix“ auch ausgedrückt wird. „Das erinnert schon an Jesus, der irgendwo in einem unbekannten Dorf lebt, und zu einem gewissen Zeitpunkt zeigt er sich als Messias - da gibt es schon eine Parallele“, sagte die Theologin.

Sendungshinweis

Logos - Glauben und Zweifeln, Samstag, 14.7.2018, 19.05 Uhr, Ö1.

Niemand weiß, wie Jesus ausgesehen hat, es habe aber immer das Bedürfnis gegeben, Jesus weibliche Attribute zuzuschreiben. „Das Bild, das wir jetzt haben, enthält beides: maskuline und feminine Züge. Ich glaube, es gibt auch etwas in den Menschen, das genau das will: einen Jesus, der nicht zu maskulin erscheint.“

Dualität in Jesus

"Es könnte aber auch theologische Gründe haben, ein so sanftes Jesus-Bild zu zeichnen. Die Evangelien sprechen ja von einer „anderen" Art der Herrschaft: da geht es nicht so sehr um männliche Kraft und Dominanz - sondern darum, anderen zu dienen, für andere da zu sein. Vielleicht ist das unbewusst auch in die bildlichen Darstellungen eingeflossen: weil wir uns nach dieser Art von Leitung sehnen - nicht mit Zwang und Befehlen, sondern aufbauend auf Gemeinschaft und Liebe“.

Doch nicht nur männlich und weiblich sind Aspekte, die laut Mariecke van den Berg in gängigen Jesusbildern zusammenfallen. Die christliche Theologie weist ihn auch als gleichermassen menschlich und göttlich aus. Ist ihm also nichts Menschliches fremd - oder ist er kraft seiner göttlichen Natur darüber zur Gänze erhaben?

Jesus nicht „blitz-blank-sauber“

Van den Berg erteilt einer Darstellung als weichgezeichneten, gepflegten, harmlos-freundlichen Hochglanzjesus eine deutliche Absage. „Das würde nämlich bedeuten, dass sich Gott in einem geradezu keimfrei-sauberen Menschen inkarniert hat. Und die Menschheit ist nicht keimfrei-sauber.“

Conchita stelle ein „strahlendes“ Bild dar, aber viele Menschen, die sich irgendwo zwischen den Geschlechtern fühlen, könnten nicht so strahlend in Erscheinung treten. Passt jemand nicht zu 100% männlich oder 100% weiblich, stellt sich für die junge Protestantin die Frage, ob man auch darin etwas Jesus-Ähnliches sehen können. So könnte man von einem blitzblanken Jesus wegkommen - „denn der blitzblanke Jesus hat etwas Gefährliches an sich“.

Mensch ist Mensch

„Soweit ich das sehe, heißt es im Schöpfungsbericht, dass Gott die Menschen männlich und weiblich erschaffen hat. Ich denke, diese Eigenschaften könnten sich auch in EINEM Menschen finden, der dann eben beide Eigenschaften hat. Es kommt auch ein bisschen drauf an, wie wörtlich man die Bibel nehmen möchte. Man könnte den Schöpfungsbericht ja auch so lesen: Da ist ein Mensch - Adam, von dem noch gar nicht feststeht, ob er ein Geschlecht hat, der nur Mensch ist, nicht Mann oder Frau.“

„Dann würde das erste Menschliche Wesen eine Person sein, die nicht auf ein Geschlecht festgelegt ist. Diese Unterscheidung entsteht erst, als Eva - die Frau - auf den Plan tritt. Ich glaube, viele Transgender-Personen finden sich in dieser Phase der Schöpfungsgeschichte wieder - wo der Unterschied zwischen Mann und Frau noch nicht gemacht ist. Wo es nur um das Menschsein geht.“

Bärtige Heilige

Und doch kennt die katholische Kirchengeschichte eine Heilige mit unbestreitbar männlichen Zügen: die heilige Kümmernis. Der Legende nach war sie eine Königstochter, die zur Ehe mit einem König gezwungen werden sollte. Um das zu verhindern, bittet sie Gott im Gebet, sie so zu gestalten, dass kein Mann je wieder an ihr Interesse haben kann. Daraufhin wächst ihr über Nacht ein Bart.

In einigen Versionen wird die heilige Kümmernis Jesus gleich: es heißt, das König sei so erzürnt über sie gewesen, dass er befohlen habe, sie kreuzigen zu lassen. Tatsächlich gibt es Darstellungen der heiligen Kümmernis am Kreuz. In der Ausstellung „Glaube, Liebe, Hoffnung“ zum 800-Jahr-Jubiläum der Diözese Graz-Seckau wird eine Darstellung der heiligen Kümmernis gezeigt. Der Gedenktag der heiligen Kümmernis - auch Wilgefortis (die Willensstarke) genannt ist am 20. Juli.

Brigitte Krautgartner, ORF