Reformer: Zölibat ein Grund für Vertuschung

Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ in Deutschland sieht in der Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit einen Grund für die jahrzehntelange Vertuschung sexuellen Missbrauchs auch in der deutschen katholischen Kirche.

Der Zölibat an sich sei als Lebensform zwar keine direkte Ursache für die etlichen jüngst in einer Studie dokumentierten Missbrauchsfälle, „aber einer männerbündischen, hierarchischen Kirche mit Zwang zum Zölibat fällt es sehr leicht, solche Verbrechen so lange Zeit zu vertuschen“, sagte „Wir sind Kirche“-Sprecher Christian Weisner der Deutschen Presse-Agentur.

Rigide katholische Sexualmoral

„Die rigide katholische Sexualmoral und eine angstbesetzte Sexualität können zu unguten Persönlichkeitsentwicklungen führen“, kommentierte er. Viele Menschen in der Kirche würden daran gehindert, „eine reife und verantwortungsbewusste Einstellung zur Sexualität“ zu entwickeln.

Noch schlimmer sei eine „nicht eingestandene, unterdrückte“ Homosexualität. „Denn Homosexualität ist in der katholischen Kirche nach wie vor ein tabuisiertes Thema.“ Obendrein erleichtere das Machtgefälle der Priester gegenüber den Gläubigen die Ausübung „geistlicher und sexualisierter Gewalt“ und mache eine Vertuschung der Missbrauchsfälle möglich.

Studie mit Spannung erwartet

Die katholischen Bischöfe in Deutschland stellen ihre Missbrauchsstudie am Dienstag in Fulda vor, vorab waren bereits die wichtigsten Ergebnisse bekannt geworden. Demnach sollen zwischen 1946 und 2014 insgesamt 1.670 katholische Kleriker 3.677 meist männliche Minderjährige sexuell missbraucht haben.

Erwartet wird unter anderem, welche Empfehlungen die Studienautorinnen und -autoren, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit, der katholischen Kirche geben. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sieht die katholische Kirche durch die Debatte an einem Wendepunkt und forderte bereits einen Neuanfang - mehr dazu in Missbrauch: Kardinal Marx sieht Wendepunkt für Kirche.

Kein Zugang zu Originaldokumenten

Kritiker bemängeln allerdings, das tatsächliche Ausmaß des Missbrauchs in der deutschen Kirche sei in der Studie nicht annähernd abgebildet, da den Autoren beispielsweise kein Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven eingeräumt worden sei. Es fehlten Aussagen von Opfern, auch habe es keine Zeugenvernehmungen gegeben, teils seien Akten sogar im Vorfeld der Untersuchung vernichtet worden. Zudem seien die zahlreichen Ordensgemeinschaften für die Studie nicht auf Missbrauchsfälle untersucht worden, hieß es.

Der deutsche Opferverband Eckiger Tisch forderte ebenfalls eine deutlich weiter gehende Aufarbeitung. „Die katholische Kirche muss ihre Archive öffnen und das Systemversagen anerkennen“, sagte der Sprecher der Initiative, Matthias Katsch, am Dienstag im Norddeutschen Rundfunk. Die Studie sei nur ein „Ausschnitt der Wirklichkeit“. Er kritisierte, dass Verantwortliche nicht benannt würden.

religion.ORF.at/dpa/AFP

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