Die Auferstehung der Ostergräber

Sie waren schon fast verschwunden, doch seit einigen Jahren erleben sie eine Renaissance: Heilige Gräber haben zu Ostern in Österreich eine lange Tradition. Vor allem im Westen gibt es eine Fülle an Kirchen, die ein solches Ostergrab ins Zentrum ihrer Feierlichkeiten rücken.

Lange Zeit waren sie aus der Mode. Seit etwa 15, 20 Jahren lasse sich ein stärkerer „Trend“ zurück zum Ostergrab beobachten, sagte P. Felix Gradl, Guardian des Franziskanerklosters in Wien, zu religion.ORF.at. Hier befindet sich eines der eher raren ostösterreichischen Ostergräber. Es stammt aus dem Jahr 1844 und wurde von Carl Rosner gefertigt. Das Antependium (Altarvorhang) mit Abbildungen der zwölf Apostel wird Leopold Kupelwieser zugeschrieben.

Ostergrab in der Wiener Franziskanerkirche

Franziskaner Wien

Nischen-Ostergrab in der Wiener Franziskanerkirche

Ihren Ursprung haben die Ostergräber im Mittelalter. Jerusalem-Pilger hätten die Idee, Heiliges-Grab-Bauten in Europa zu errichten, von ihren Reisen mitgebracht, sagte Reinhard Rampold, Experte des Bundesdenkmalamts Tirol und Herausgeber eines Bildbandes über heilige Gräber in Tirol, im Gespräch mit religion.ORF.at. Zum einen seien die Ostergräber also als „Nachbauten“ des Heiligen Grabes in Jerusalem entstanden, zum anderen habe es bereits „bewegliche Ostergräber“ gegeben. Dabei wurde ein Kruzifixus (die Christusfigur an einem Kruzifix) mit beweglichen Armen am Karfreitag ans Kreuz gehängt und bald danach wieder in einen Schrein gelegt.

Szenische Darstellung des Osterwunders

Mit Hilfe der theaterähnlichen Inszenierung der Auferstehung sollten Gläubige emotional ins Innere des Geschehens auf Golgatha begleitet werden. Nicht viele Menschen waren des Lesens mächtig, also war man - neben bildlichen Darstellungen aller Art - auf solche „Reenactments“ des Osterwunders angewiesen.

Ostergrab in Schwaz

Mit 160 Quadratmetern ist das Ostergrab in der Schwazer Franziskanerkirche das älteste und größte Tirols („Tirol heute“ vom 31.3.2013).

In der Regel werden heilige Gräber in der Karwoche errichtet. Geschmückt wird das anfangs noch leere „Grab“ mit Blumen, Kerzen oder Lämpchen und oft mit bunten, mit Wasser gefüllten und beleuchteten Glaskugeln, die das Licht einfangen. Dadurch soll der Eindruck von Lebendigkeit verstärkt werden. Für diese Aufgabe sind oft eigene Heiliges-Grab-Komitees in den Pfarren zuständig.

Am Karfreitag wird dann in einer feierlichen Zeremonie eine Christus-Figur in das Grab gelegt. Beim Grab selbst kann es sich um eine in eine Mauer eingelassene Nische, oft hinter dem Altar oder in einer Kapelle, handeln, oder auch um eine verschiebbare Kulisse - diese kann aus Pappe oder Holz bestehen. Mehrere Kulissen werden dabei hintereinander aufgestellt, um eine Tiefenwirkung zu erzielen.

Blütezeit im Barock

Ihre künstlerische Blütezeit erfuhr die Tradition des heiligen Grabes im Barock. Aufwendige Kulissenaufbauten entstanden, die auf perspektivische Wirkung abzielten und immer reicher ausgeschmückt wurden. Experte Rampold weist auf den Einfluss von Trauergerüsten hin, kulissenhaften Aufbauten etwa in Form einer nachgebildeten Kapelle. Diese barocken Trauergerüste wurden für die Särge bedeutender Persönlichkeiten errichtet und in Kirchen aufgestellt.

Ostergrab-Ensemble mit beleuchteten Glaskugeln in Lauffen (OÖ). Kopie des Originals von 1739 (Ende 20. Jh. neu angefertigt)

Diözese Linz, Kunstreferat

Heilige Gräber

Ostergräber waren vom Spätmittelalter bis in die Barockzeit in ganz Europa verbreitet. Heute findet man sie fast nur noch in Österreich, in der Schweiz und in Süddeutschland. (Bild: Lauffen, OÖ, Kopie des Originals von 1739, Ende 20. Jh.).

Kaiser Joseph II. schob 1782 diesen „Sensationen“, die die wahre Andacht behindern würden, einen Riegel vor. Viele Barockgräber fielen den josephinischen Reformen zum Opfer, das Phänomen wanderte in den privaten Bereich. „Im 19. Jahrhundert gab es eine neue Welle an heiligen Gräbern“, so Rampold. Man konnte sie bei Kunstverlagen bestellen, verbreitet waren die „Kataloggräber“, die eine böhmische Firma anbot. Ein solches Grab aus von hinten beleuchtetem Glasmosaik befindet sich in der Basilika St. Michael Mondsee im Salzkammergut.

Das Zweite Vatikanische Konzil habe mit dem Wunsch nach Modernisierung der Kirche erneut einen „Einbruch“ für die Ostergräber gebracht, so Rampold. „Viele sind verschwunden, sie wurden unsachgemäß gelagert oder zerstört.“ Das letzte „Revival“ erfuhren die Kunstwerke in den 1980er Jahren, als eine Ausstellung über Fastenkrippen und heilige Gräber in Tirol das alte Kulturgut einer breiten Öffentlichkeit wieder ins Gedächtnis rief. Zahlreiche Gräber wurden „ausgegraben“ und restauriert, darunter etwa das von Christoph Anton Mayr geschaffene Ostergrab in der Franziskanerkirche in Schwaz aus dem Jahr 1764.

Lebendige Tradition

Viele Ostergräber gibt es in Tirol und Südtirol, die Tradition ist hier noch sehr lebendig. Auf dem Kalvarienberg in Kastelruth zum Beispiel werden Stationen für die Osterprozession aufgestellt, die dann am reich geschmückten Ostergrab endet. Heiliges-Grab-Prozessionen gibt es auch in Nauders, Pfunds und anderen Gemeinden. Gewöhnlich werden die Gräber die ganze Woche hindurch für Feierlichkeiten und Gebete genutzt, bis zur Auferstehungsfeier in der Nacht auf den Ostermontag. Manchmal wird das Grab auch noch einige Tage länger ausgestellt.

Buchhinweis

Reinhard Rampold (Hg.): Heilige Gräber in Tirol. Tyrolia, 342 Seiten, 39,90 Euro.

Als besonderes Barockjuwel gilt das nahezu vollständig erhaltene Ostergrab in Patsch aus dem 18. Jahrhundert. Es ist wie viele Ostergräber vom Palmsonntag bis zum Karfreitag in der Pfarrkirche aufgestellt. Das Patscher Ostergrab wurde in den 1770er Jahren vom Schönberger Priester und Kurator Johann Nepomuk Pfaundler (1723-1811) angefertigt, wie die Website der Pfarre verrät.

Heiliges Grab in Patsch, Tirol

Public Domain/Wikipedia

Ein Barockjuwel: Das heilige Grab in Patsch, Tirol

Das Ostergrab werde mittlerweile jedes Jahr am Samstag vor dem Palmsonntag aufgestellt und geschmückt, heißt es dort - bis zu 20 Personen seien an der Aufstellung beteiligt; es ist bis zum Freitag nach Ostern zu sehen. Am Karfreitag und Karsamstag halten Schützen aus dem Ort Ehrenwache am Grab. In anderen Gemeinden übernimmt beispielsweise die Feuerwehr die Wache.

„Am Karsamstag werden dann ‚Grabwächter‘ dazugestellt“, römische Soldaten aus Pappe, so Buchautor Rampold. Im Rahmen der Osterliturgie würden diese manchmal „mit Getöse“ umgekippt. Die Christusfigur wird in manchen Gemeinden am Ostersonntag aus dem Grab genommen und feierlich hochgezogen. Am Ostermontag ist dann nur noch das leere Grab zu sehen.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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