Wien: Gedenken an Vernichtung jüdischer Gemeinde

Der Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit und die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien wollen gemeinsam die Geschichte der „Wiener Gesera“ - die Zerstörung der Wiener jüdischen Gemeinde im Jahr 1420/21 - aufarbeiten.

Die historischen Ereignisse, ihre Ursachen und die Implikationen für heute sind am Mittwoch, 29. Mai, Thema eines Studienvormittages und einer abendlichen Podiumsdiskussion an der Theologischen Fakultät. Hintergrund ist die Vernichtung der Wiener jüdischen Gemeinden auf Befehl Herzog Albrechts V., an der die Fakultät mitbeteiligt gewesen sein soll, indem sie die Frage einer Stellungnahme zur jüdischen Gemeinde in Wien verschob: „Lasst uns auf ein andermal vertagen.“

Die nachweisbare judenfeindliche Haltung der Fakultät wurde durch Gleichgültigkeit verdeckt, erklärten die Fakultät und der Koordinierungsausschuss in einer gemeinsamen Aussendung. Ziel der Veranstaltungen sei darum auch ein aufrichtiger Umgang und Dialog mit jüdischen Menschen und Gemeinschaften in Wien und darüber hinaus.

Jüdisch-christliches Zusammenleben im Mittelalter

Beim Studienvormittag an der Katholisch-Theologischen Fakultät (Universitätsring 1) referieren die Historikerin Birgit Wiedl über jüdisch-christliches Zusammenleben im spätmittelalterlichen Wien, der Theologe Markus Himmelbauer über das Judentum in zeitgenössischen Darstellungen und die Historikerin Eveline Brugger über Hintergründe, Ablauf und Folgen der „Wiener Gesera“. Die katholischen Theologen Agnethe Siquans, Wolfgang Treitler und Regina Polak diskutieren die Folgen der Wiener Gesera für die Theologie. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Institut für jüdische Geschichte Österreichs statt.

Veranstaltungshinweis

Studienvormittag und Podiumsdiskussion ab 18.30 Uhr am Mittwoch, 29. Mai an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien

An der abendlichen Podiumsdiskussion ab 18.30 Uhr am selben Ort werden erneut Regina Polak und Wolfgang Treitler teilnehmen, weiters der evangelische Religionspädagoge Martin Rothgangel und Rabbiner Schlomo Hofmeister.

Wien war im Mittelalter eine bedeutende „jüdische Stadt“: Es gab rund um den heutigen Judenplatz eine blühende jüdische Gemeinde von rund 70 Häusern, die zu den größten und bedeutendsten in Europa zählte. All das fand 1420/21 durch die „Wiener Gesera“ ein abruptes Ende. Die genauen Motive Herzog Albrechts für die Pogrome sind unklar: Historiker vermuten eine Kombination aus wirtschaftlichen, politischen und religiösen Motiven, die mit den öffentlich vorgebrachten Beschuldigungen wie Ritualmorden oder Hostienschändungen wohl nicht viel zu tun hatten.

Anstoß durch Kardinal König

Der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit ist seit 1956 - neun Jahre vor der wegweisenden Konzils-Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“ - für den Aufbau gegenseitigen Vertrauens zwischen Christen und Juden tätig. Das in Österreich einzigartige Forum aus Christen verschiedener Konfession und Vertretern der jüdischen Gemeinden unterstützt und begleitet die Kirchen u.a. durch Impulse für die Bildungsarbeit und beim Bestreben, festgefahrene Vorurteile und Feindbilder zu überwinden bzw. eine respektvolle Gesprächs- und Streitkultur sicherzustellen.

An den handelnden Personen wird das konfessions- und religionsverbindende Profil des Koordinierungsausschusses deutlich: Präsident ist der katholische Theologe Martin Jäggle, Vizepräsidenten sind der frühere methodistische Superintendent Helmut Nausner und Willy Weisz von der Israelitischen Kultusgemeinde.

religion.ORF.at/KAP

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