Neue „Biografie“ der Bibel

Sie ist das „Buch der Bücher“, das wohl einflussreichste Schriftwerk der Geschichte, doch für viele auch ein Buch mit sieben Siegeln: die Bibel. Zwei Bibelwissenschaftler legen eine „Biografie“ des berühmtesten Buchs der Welt vor.

Die Rezeption der Bibel hat sich im Lauf der Geschichte oft gewandelt: Was früher als gesichert galt, ist nun überholt. Konrad Schmid, Professor für Alttestamentliche Wissenschaft und Frühjüdische Religionsgeschichte an der Universität Zürich, und Jens Schröter, Professor für Neues Testament und neutestamentliche Apokryphen an der Humboldt-Universität zu Berlin, bringen Leserinnen und Leser auf den neuesten Forschungsstand.

Wer kennt sich schon wirklich in Sachen Bibel aus? Es fängt schon bei den Begriffen an: Tanach, Pentateuch, Apokryphen, Septuaginta - die Sprache der Bibelwissenschaft ist für Laien nicht einfach zu verstehen. Zunächst einmal stellen die Autoren klar: Es gibt nicht die Bibel. So kann man etwa die jüdische Bibel und das christliche Alte Testament (AT) nicht einfach gleichsetzen. Und auch die Grenze zwischen heute als kanonisch (regelgemäß) anerkannten und apokryphen (nicht anerkannten, als zweifelhaft geltenden) Texten ist keineswegs immer klar verlaufen.

Auffindung des Mose (Wandmalerei aus der Synagoge von Dura Europos, Syrien, 3. Jh. n. Chr.)

Public Domain/Wikipedia

Auffindung des Mose (Wandmalerei aus der Synagoge von Dura Europos, Syrien, drittes Jh. n. Chr.)

„Biblisch“ erst im Laufe der Zeit

Die Bibel, wie wir sie heute kennen, könnte also auch ganz anders aussehen, je nachdem, welche Texte aufgenommen bzw. verworfen worden wären. „Die Bücher der Bibel wurden nicht als Bücher der Bibel geschrieben, sondern ihre Texte und Textsammlungen wurden erst nach und nach zu Büchern, und diese wiederum wurden erst im Laufe der Zeit ‚biblisch‘“, so Schmid und Schröter.

Viel Raum gewähren die Autoren der „Vorgeschichte“ mit dem Aufkommen einer Schriftkultur in der Entstehungsregion, dem Übergang von der „Kultreligion zur Schriftreligion“ sowie der historischen Entwicklung der Ursprungsreligionen rund um das heutige Israel. Spannend liest sich die zeitliche Einordnung bestimmter Passagen anhand von belegten historischen Begebenheiten.

Von Schriftrollen zu Codices

Zwar sei Mose wohl eine historische Person, doch könne die Thora unmöglich aus seiner Feder stammen: Diese und ähnliche Aussagen werden gründlich belegt und argumentiert. Wie die äußere Form der Schriften sich im Lauf der Jahrhunderte veränderte, lässt sich auch anhand der vielen Abbildungen und Karten nachvollziehen: Von Schriftrollen ging man zu Codices (gebundene Büchern, die den heutigen ähneln) über, die verwendeten Materialien änderten sich ebenfalls.

Buchcover Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften

C H Beck Verlag

Buchhinweis

Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften. C. H. Beck, 505 Seiten, 32,90 Euro.

Jahwes „abgeschaffte“ Ehefrau

Fast im Vorübergehen erfährt man faszinierende Details, etwa über die Gemeinde in Qumran, deren berühmte Rollen wertvolle Informationen liefern, oder auch die „Ehefrau“, die Jahwe, Gott der Israeliten, offenbar in früher Zeit noch hatte, die später „abgeschafft“ und deren Verehrung verboten wurde.

Wie das Neue Testament eine Verbindung zu den (zum Teil viel) älteren Texten des Alten Testaments schaffte, wird mit Beispielen anschaulich gemacht: So habe Paulus in Römer 1,2 „die Schriften Israels insgesamt als prophetisches Zeugnis“ charakterisiert, „das auf das Evangelium von Jesus Christus vorausverweist“. Jesus selbst las laut Lukas 4,16-21 in der Synagoge aus einer Schriftrolle mit dem Buch des Propheten Jesaja vor.

An vielen Stellen wird sprachlich oder inhaltlich ein Bezug zum Alten Testament hergestellt, das Wirken Christi gleichsam wie eine „Erfüllung“ (Einlösung) der hebräischen Schriften dargestellt. Die Sammlung der vier Evangelien des Neuen Testaments entstand bekanntlich im zweiten Jahrhundert n. Chr. - wie es dazu kam, ist ein eigener, spannender Punkt. Ebenso die Frage: „In welcher Sprache haben die frühen Christen die Bibel gelesen, zitiert und ausgelegt?“

Rabbinerbibeln seit dem 16. Jahrhundert

Auch die Weiterentwicklung jüdischer Bibeltraditionen in Mittelalter und Neuzeit wird ausführlich behandelt: Rabbinerbibeln (Mikraot Gedolot, „große Schrift“), mit Kommentaren jüdischer Gelehrter versehene hebräische Sammlungen biblischer Texte, kennt man seit dem 16. Jahrhundert. Sie weichen in ihren Inhalten stark voneinander ab, von christlichen Bibeln ganz zu schweigen.

Kopfstück der ersten Mikraot Gedolot des Authors Felix Pratensis, veröffentlicht durch Daniel Bomberg in Venedig im Jahr 1517

Public Domain/Wikipedia

Kopfstück der ersten Mikraot Gedolot Felix Pratensis, veröffentlicht im Jahr 1517

Die „Einfache“ und die „Volkstümliche“

Im Christentum des Mittelalters setzte sich die Vulgata („die Volkstümliche“), die Fassung des Kirchenvaters Hieronymus (ca. 347 bis 419/420), durch, für die er auf hebräische Texte zurückgriff. In der syrischen Kirche hingegen entstand seit dem zweiten Jahrhundert eine eigene Fassung, die wenig bekannte Peschitta („die Einfache“), die bis heute in Verwendung ist.

In der frühen Neuzeit kam auch in der westlichen Kirche wieder Bewegung in die Heilige Schrift der Christen, als Erasmus von Rotterdam 1516 eine griechische Ausgabe des Neuen Testaments veröffentlichte und auch eine lateinische Übersetzung verfasste. Martin Luther übersetzte die Bibel ins Deutsche - es folgte die Reformation.

Faszinierende Entstehungsgeschichte

Die Entstehung der „Vierevangeliensammlung“ liest sich faszinierend, die Akzente und Unterschiede der Evangelien stellen Schmid und Schröter in einen historischen Kontext der ersten Jahrhunderte n. Chr. Auch erfährt man, dass etwa die Kapitel der Bibel seit dem elften Jahrhundert existieren, die Verszählung erst ab 1551 eingeführt wurde.

„Die Entstehung der Bibel“ ist überaus detailreich, vollgepackt mit Fakten: Man erfährt wirklich viel über das Buch der Bücher, bis hin zu Strich und Leerzeichen in einer bestimmten Schriftrolle. Das Thema muss einen schon interessieren - für den schnellen Überblick ist das Buch nicht gedacht. Viel Vorwissen braucht es allerdings nicht, gut ausgewählte Bilder und Karten machen die Lektüre anschaulich: ein echtes Must-have für Bibelbegeisterte.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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