Gemälde von Joseph Karl Stieler (ca. 1820), das Beethoven bei der Arbeit an der Missa Solemnis zeigt
Public Domain/Wikipedia
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„Missa Solemnis“

Als Beethoven die Messe neu erfand

Ludwig van Beethoven hat mit der „Missa Solemnis“ die musikalische Gattung der christlichen Messe neu erfunden. Beethoven habe damit etwas geschaffen, „das alle bisherigen Messen in den Schatten stellte“, schreibt Jan Assmann in seinem neuen Buch.

Unter den zahlreichen Bucherscheinungen anlässlich des „Beethoven-Jahres“ 2020 gehört "Kult und Kunst. Beethovens ‚Missa Solemnis‘ als Gottesdienst“ sicher zu den spezielleren. Ungewöhnlich ist schon der Zugang: Der in Heidelberg und Konstanz lehrende Professor für Ägyptologie und allgemeine Kulturwissenschaft nähert sich dem Werk von der christlichen „Urszene“, dem Abendmahl, her.

Dieses Unterfangen erscheine ihm, so der Autor von „Moses der Ägypter“ und „Exodus“ im Vorwort, „wie ein großer Berg, durch den ich von zwei Seiten einen Tunnel bohren will in der Hoffnung, in der Mitte zusammenzutreffen. Am einen Ausgangspunkt liegt die Stadt Jerusalem, wo Jesus das Abschiedsmahl mit seinen Jüngern feiert (…). Am anderen Ende liegt die Stadt Wien, in der Ludwig van Beethoven (…) an seiner Missa Solemnis op. 123 arbeitet.“

„Vollkommen neuartiges Hauptwerk“

Beethoven konzipierte die Messe ursprünglich für die Bischofsweihe von Erzherzog Rudolph (1788–-1831), mit dem ihn „eine echte Freundschaft“ verbunden habe, so Assmann. Doch schon bald zeichnete sich ab, dass das Werk nicht rechtzeitig fertig werden würde. „Vom Termindruck befreit, wuchs das Werk sich aus. Das Ziel waren jetzt nicht mehr Hochamt und Kapellmeisterposten“, Beethoven habe „ein vollkommen neuartiges Hauptwerk“ schaffen wollen, „das alle bisherigen Messen in den Schatten stellte“.

Gemälde von Joseph Karl Stieler (ca. 1820), das Beethoven bei der Arbeit an der Missa Solemnis zeigt
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Das berühmte Gemälde von Joseph Karl Stieler (ca. 1820) zeigt Beethoven bei der Arbeit an der „Missa Solemnis“

Ursprünge in „heiligen Spielen“

Der Ägyptologe Assmann zeichnet die Ursprünge der musikalischen christlichen Messe nach und greift dabei unter anderem auf die „heiligen Spiele“ antiker Traditionen wie des Dionysos-Kultes und ägyptischer Kulte zurück.

Beethovens „Missa Solemnis“ markiere den Höhepunkt dieser Entwicklung, „in deren Verlauf sich die Messe als musikalisches Kunstwerk von ihrer Funktion im christlichen (katholischen) Gottesdienst emanzipierte, ohne darum ihren Charakter als ‚geistliche‘ Musik aufzugeben, im Gegenteil“. Beethoven schrieb die Messe in D-Dur, Opus 123, von 1819 bis 1823, 1824 wurde sie erstmals zur Gänze in St. Petersburg gespielt – in einem nicht sakralen Rahmen. Neben der weniger bekannten Messe in C-Dur, Opus 86 aus dem Jahr 1807 ist sie seine einzige Messe.

Intensität, die den Rahmen sprengt

Die Leserin und der Leser erfahren in „Kult und Kunst“ (der Titel nimmt Bezug auf Hans Beltings „Bild und Kult“ von 1990, den Assmann auch im Dank- wie im Vorwort erwähnt) zunächst viel über das Abendmahl und seine Überformung in der christlichen Liturgie während der folgenden Jahrtausende. Die einzelnen Teile der „Missa Solemnis“ – Gloria, Credo, Agnus Dei usw. – werden auf ihre Quellen zurückgeführt und die Zusammenstellung der Texte erklärt. Assmann zieht auch Vergleiche zur „Missa Solemnis“ Mozarts und zu Werken von Bach, Händel und Haydn. Dabei holt der Autor weit aus, was ein wenig Durchhaltevermögen und aufmerksames Lesen erfordert – er verliert dabei aber das eigentliche Thema, Beethovens große Messe, nie aus den Augen.

Ausschnitt aus Ludwig van Beethovens „Missa Solemnis“

Nikolaus Harnoncourt mit dem Concentus Musicus 2015: Uraufführung von Beethovens „Missa Solemnis“ im Rahmen der Styriarte im Stefaniensaal in Graz

Die Eigenschaft, die den frühen christlichen Gottesdienst von allen anderen älteren und zeitgenössischen Formen von Gottesdienst unterscheide, sei die zentrale Bedeutung der „Gemeinde“, (griechisch: ekklesia) und deren Nacherleben des Abendmahls.

„Was könnte besser die Intensität dieses Nacherlebens steigern und seine verwandelnde Kraft freisetzen als die Musik?“, fragt Assmann. In der „Missa Solemnis“ steigere Beethoven diese Intensität bis zu einem Grad, „wo sie den gottesdienstlichen Rahmen sprengt“.

Musik mit „festem Platz“

Als Missa Solemnis wird seit dem Mittelalter eine „feierliche Messe“ mit Bischof oder Abt (das Pontifikalamt) oder das „Levitenamt“ mit Priester, Diakon und Subdiakon bezeichnet. Seit dem 17. Jahrhundert beziehe sich der Begriff auf die besondere Vertonung der Messe, so Assmann.

Aber der Gesang habe schon früher eine Rolle gespielt: „Von Anfang an wurde in christlichen Gottesdiensten gesungen. Schon im israelitisch-jüdischen Kult hatte die Musik, vokal und instrumental, einen festen Platz.“ Generell scheine das Christentum „in der Richtung künstlerischer Ausgestaltung bis hin zu der Emanzipation künstlerischer Formen von ihren kultischen Ursprüngen weiter gegangen zu sein als andere Religionen“, schreibt Assmann.

Gebet wird Musik

Und der Kulturwissenschaftler erinnert daran, dass in der Messe das Gebet zu Musik wird, nicht umgekehrt: „Das eröffnende Kyrie ist ein Gebet, und ebenso das abschließende Agnus Dei“, so Assmann. Im christlichen Gottesdienst gehe es um Emotionen, „die von allem Anfang an nach musikalischem Ausdruck verlangt haben. In der Missa Solemnis kulminiert dieses Verlangen.“

Die Ablösung vom Gottesdienst und die Etablierung der Messe als eigenständige Musikform – und somit denkbar auch in einem nicht sakralen Rahmen wie dem Konzertsaal – sei erst durch Beethoven geschehen.

Buchcover Jan Assmann: „Kult und Kunst. Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst“, C. H. Beck Verlag
C. H. Beck Verlag

Buchhinweis

Jan Assmann: Kult und Kunst. Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst. C. H. Beck, 28,80 Euro, 272 Seiten.

„Ein einziger jubelnder Aufschwung“

Der musikwissenschaftliche Teil des Buchs ist für Laien nicht ganz einfach zu lesen – trotz der Lebhaftigkeit und des Schwungs, mit dem Assmann das Thema angeht: „Das Gloria ist ein einziger jubelnder Aufschwung, durchsetzt mit Momenten plötzlichen Innewerdens der eigenen irdischen Tiefe und Niedrigkeit. Der Jubel kehrt im Osanna (Hosianna) zurück, das abschließende Agnus Dei aber wiederholt das Miserere nobis des Anfangs, das Beethoven so wichtig ist, dass er es gegen alle Konvention vor dem ‚Dona nobis pacem‘ dreimal statt zweimal bringt.“

Beethoven und die Illuminati

Nebenher gibt der Kulturwissenschaftler noch einen lockeren Überblick über die religiösen Strömungen der Zeit – was hatten die Illuminati mit Beethoven zu tun? – und die mutmaßlichen religiösen Überzeugungen des Meisters selbst. Dabei verquickt Assmann zahlreiche Ebenen, von antiker Geschichte bis zur modernen Musikwissenschaft, mühelos.

„Kult und Kunst“ ist keine leichte Lektüre, und Vorwissen in Sachen Evangelien, Liturgie und auch eine gewisse Versiertheit in Musikwissenschaft sind kein Fehler. Aber Assmann schreibt bei all seiner – immensen – Gelehrsamkeit klar und luzide. Seine eigene Leidenschaft für die Materie vermittelt Assmann da am besten, wo er die Begeisterungsfähigkeit des Komponisten spiegelt: „Freude ist die Grundstimmung des Gloria, das hat kein Komponist musikalisch klarer und überwältigender zum Ausdruck gebracht als Beethoven in der ‚Missa Solemnis‘.“