Deutschland

Kardinal Marx bot Papst Rücktritt an

Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, hat Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten. Grund sind die Missbrauchsfälle in der römisch-katholischen Kirche und „systemisches Versagen“.

Er habe den Papst in einem Brief vom 21. Mai gebeten, „seinen Verzicht auf das Amt des Erzbischofs von München und Freising anzunehmen“, teilte das Bistum am Freitag mit. „Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“, schrieb Marx dem Papst.

Die Untersuchungen und Gutachten der zurückliegenden zehn Jahre zeigten für ihn durchgängig, dass es „viel persönliches Versagen und administrative Fehler“ gegeben habe, aber „eben auch institutionelles oder systemisches Versagen“.

„Kirche an totem Punkt“

Die katholische Kirche sei an einem „toten Punkt“ angekommen, sagte Marx demnach. Mit seinem Amtsverzicht könne vielleicht ein persönliches Zeichen gesetzt werden für neue Anfänge, für einen neuen Aufbruch der Kirche: „Ich will zeigen, dass nicht das Amt im Vordergrund steht, sondern der Auftrag des Evangeliums.“

Kardinal Reinhard Marx
APA/AFP/Daniel Roland
Kardinal Reinhard Marx bot Papst Franziskus seinen Rücktritt an

Marx teilte dem Papst mit, er habe in den vergangenen Monaten immer wieder über einen Amtsverzicht nachgedacht. Vielleicht könne er damit ein „persönliches Zeichen“ für „neue Anfänge, für einen neuen Aufbruch der Kirche“ setzen. „Ereignisse und Diskussionen der letzten Wochen spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle.“

„Mitverantwortung und Mitschuld“

Zugleich sei in den jüngsten Debatten offensichtlich geworden, „dass manche in der Kirche gerade dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben wollen“. Diesen stünden deshalb auch einem dringend notwendigen „Reform- und Erneuerungsdialog“ ablehnend gegenüber.

Nach Angaben des Münchner Erzbistums erteilte der Papst nun die Erlaubnis, den Vorgang zu veröffentlichen. Er legte zugleich aber fest, dass Marx bis zu einer Entscheidung über den Wunsch seinen bischöflichen Dienst weiter ausüben soll.

„Bereit, persönlich Verantwortung zu tragen“

Seine Bitte um Annahme des Amtsverzichts sei eine ganz persönliche Entscheidung. „Ich möchte damit deutlich machen: Ich bin bereit, persönlich Verantwortung zu tragen, nicht nur für eigene Fehler, sondern für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge.“ Bis zu einer Entscheidung über den Rücktrittswunsch soll er seinen bischöflichen Dienst weiter ausüben.

Marx ist einer der bekanntesten Bischöfe Deutschlands und war bis 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). In der Reformdebatte der katholischen Kirche in Deutschland, dem „Synodalen Weg“ hatte er Reformen befürwortet.

Für diesen Sommer wird ein Gutachten über Fälle von sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising erwartet, das vor allem herausarbeiten soll, wie sexueller Missbrauch von Priestern im Bistum möglich wurde und ob hochrangige Geistliche Täter schützten.

Missbrauchsexperte: „Wichtiges Zeichen“

Der Jesuitenpater und Mitglied der Päpstlichen Kinderschutz-Kommission, Hans Zollner, hält das Rücktrittsangebot von Kardinal Reinhard Marx für ein „außerordentlich wichtiges Zeichen“. „Kardinal Marx zeigt, dass die Botschaft und die Glaubwürdigkeit der Kirche und ihrer Amtsträger wichtiger sind als die persönliche Stellung“, sagte Zollner der Deutschen Presse-Agentur am Freitag.

Dies verdiene große Hochachtung. Zollner ist Mitglied der 2014 eingerichteten Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen.

Laienvertreter: „Da geht der Falsche“

Der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, reagierte bedauernd auf das Rücktrittsangebot des Münchner Kardinals. „Ich bin tief erschüttert – da geht der Falsche“, sagte Sternberg am Freitag der „Rheinischen Post“ aus Düsseldorf. Er schätze ihn außerordentlich. „Was Marx in der Ökumene, beim synodalen Weg und auch bei der Missbrauchsaufarbeitung geleistet hat, ist ganz wichtig gewesen.“

Sternberg erinnerte auch daran, dass der Münchner Erzbischof fast sein ganzes privates Vermögen in eine Stiftung für Missbrauchsopfer eingebracht habe. Nach seiner Einschätzung habe Marx die massive Kritik an der geplanten Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an ihn tief getroffen.

„Skandalisierung der katholischen Kirche“

„Das zeigt auch, dass in der gegenwärtigen Skandalisierung der katholischen Kirche alle in einen Gesamtverruf kommen – egal, wie ernsthaft sie diese Themen angehen oder nicht“, sagte Sternberg. Sollte der Rücktritt von Papst Franziskus angenommen werden, „dann fehlt uns eine ganz wichtige Persönlichkeit im deutschen Katholizismus“.