Pastoraltheologe

Zulehner: Kirche braucht Reformen im Sinne des Papstes

Für Reformen in der Kirche im Sinne des von Papst Franziskus eingeleiteten synodalen Prozesses hat der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner plädiert. Bei der diesjährigen Sommerakademie der Katholischen Männerbewegung Österreichs (KMBÖ) sagte Zulehner: „Eine Kirche, die um sich selber kreist, ist krank.“

Manche gegenwärtigen Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft führen aber in eine entgegengesetzte Richtung, wie Zulehner anhand der Ergebnisse der von ihm seit 1992 angestellten Männerforschung erläuterte.

Vier Männertypen

Die Forschung kenne vier Männertypen: traditionell, pragmatisch, unsicher, modern. Die unsicheren Männer seien die größte Gruppe, die traditionellen nehmen unter den jungen Männern wieder zu, die modernen gehen zurück.

Die Rollenklischees von Mann und Frau hätten sich kaum geändert, sie säßen sehr tief. Der Typus eines Mannes wirkt sich auch sein Verständnis von Glauben aus, stellte Zulehner zur Frage fest, ob Männer „anders glauben“.

Der „traditionelle“ Mann setze auf Autorität und Macht, auf Gesetz, Strenge und Sünde, und er sei von „Heilspessimismus“ geprägt, von Angst vor sozialem Abstieg und kultureller Entfremdung und von der Angst, zu kurz zu kommen. Diese Ängste prägen auch Gesellschaften und Kulturen in aller Welt wieder zunehmend, und sie entsolidarisieren.

„Menschen im Feldlazarett, nicht im Gerichtssaal“

Das Gegenbild sei Jesus, der vom Berg herabsteigt, nicht um zu richten, sondern um zu helfen und zu heilen. Jesus sei der „mit Gott Dauerverbundene“, das Bild des Urvertrauens. Viele Männer, gerade auch in der Kirche, hätten dementgegen Probleme, Vertrauende und Liebende zu werden.

Papst Franziskus sei aber nicht „in der Spur“ des „traditionellen“ Mannes, er wolle eine Kirche, die die Menschen „nicht in den Gerichtssaal, sondern ins Feldlazarett führt“, eine Kirche, die bei den Leidenden ist und Hilfe, Hoffnung und Zuversicht schenkt, betonte Zulehner.

Das sei dann auch keine Kirche, die ängstlich um Fragen ihrer eigenen Struktur kreist, sondern zu notwendigen Reformschritten bereit ist. „Wir müssen Zölibat und Frauenordination vom Tisch kriegen, um zum Kern zu kommen, denn wir sind im Kern geschwächt“, so der Pastoraltheologe.

„Kraftquelle Gottesbeziehung“

Das Motto der 34. Sommerakademie von 22. bis 24. Juli lautete „Kraftquelle Gottesbeziehung“. „Es war der Versuch, in den wieder gewonnenen Freiheiten nach dem Lockdown in Präsenz jenen Kräften nachzuspüren, die uns Göttliches erfahrbar machen“, so KMBÖ-Vorsitzender Ernest Theussl. "Wenn wir von Gott reden, sind wir zunächst immer selbst die Betroffenen.

Dass wir dieses Hintergrundrauschen menschlicher Existenz trotz geräuschvoller Umgebung den Menschen hörbar machen, dazu sollte diese Tagung mit ihren kompetenten Referenten ein klein wenig beitragen, und ich denke, ist es uns gelungen", so seine Bilanz.

P. Pausch: „Allmachts- und Ohnmachtswahn“

Der Prior des Europaklosters Gut Aich, P. Johannes Pausch, hob in seinem Vortrag hervor, Glaube sei nicht das Verbreiten und Nachsprechen von dogmatischen Lehrsätzen, sondern beschreibe „das Verhältnis zu mir selbst, zum Du, zu Natur und Schöpfung, zu Welt und Gott“.

Glaube sei dabei geprägt „von unserem Menschenbild, unserem Weltbild“. Heute täten die Menschen vielfach so, „als hätten wir die Welt in der Hand“, selbst ökologisches Handeln werde im Geist des „Wir machen das“ angegangen. „Das bereitet mir Sorge“, so der Benediktinerpater. Neben diesem „Allmachtswahn“ gebe es den „Ohnmachtswahn“: „Ich kann nichts machen.“

Ein Mittelweg zwischen beiden Extremen komme der Realität näher, unterstrich Pausch. Glaube heiße auch nicht, alles richtig zu machen: „Zweifel, Verluste, Scheitern, Hindernisse sind Geschwister des Glaubens. Glaube heißt, in Beziehung zu leben. Spiritualität ist Beziehung auf allen Ebenen.“

Oberrauch: Dienende Kirche werden

Für eine tiefgreifende Reform der katholischen Kirche plädierte auch der Vorsitzende der Katholischen Männerbewegung in Südtirol, Georg Oberrauch. Es sei sehr bedauerlich, dass die Chancen der Kirche heute oft zu wenig gesehen, Aufbrüche im Keim erstickt werden, sagte Oberrauch bei der KMB-Sommerakademie.

Die Kirche sollte eine Brücke zwischen Gott und Menschen sein, häufig sei sie es aber nicht. „Wir müssen ein System von Kirche in Frage stellen, das viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, von Klerikalismus, mittelalterlicher Fürstentums-Mentalität, Macht und Besitz geprägt ist“, so der Unternehmer und führende katholische Laie.

Die sogenannte konstantinische Wende im 4. Jahrhundert nach Christus habe die Kirche von der Verfolgung befreit, aber die Entwicklung einer Gestalt von Kirche eingeleitet, die sich immer mehr vom Kern der Botschaft Jesu entfernt habe. Viele Bewegungen und Heilige hätten seither versucht, das zu ändern, sie sein aber „radikal eingebremst worden“.

Kirche von Klerikalismus und Machtgehabe befreien

Heute könne die Kirche nur dann zukunftsfähig werden, „wenn sie sich von ihrem Klerikalismus und Machtgehabe befreit und eine dienende Kirche wird, die Vertrauen und Freiraum schenkt“, unterstrich Oberrauch.

Auch der vom Papst ausgerufene synodale Prozess ziele in die Richtung, dass das Volk Gottes nicht nur seine Meinung äußern, sondern in der Kirche mitentscheiden kann. „Die Zeit schreit nach Umdenken, nach Wechsel.“

Oberrauch unterstrich dazu, es brauche Gemeinschaft aus dem Glauben, die Gemeinschaft der Kirche als Erfahrungs- und Lernort. Und die zunehmend von Populismus, von Fundamentalismus und von Angst geprägte Welt brauche die christliche Botschaft, die „Vertrauen, Barmherzigkeit, Liebe an die erste Stelle setzt und Freiheit schenkt“.

Die Kirche habe "ein gutes Fundament: die Frohbotschaft Jesu, die Menschen aufrichtet, stärkt, befreit, Frieden stiftet. Auf dieser Basis könne es gelingen, „Kirche von unten zu erneuern“, so Oberrauch. Das schließe auch ein, Frauen den Zugang zu allen kirchlichen Ämtern zu ermöglichen.