Katholiken

Zulehner: „Megaprojekt“ Synodalität „unumkehrbar“

Papst Franziskus hat mit dem synodalen Prozess der Weltkirche ein „Megaprojekt“ gestartet und „dafür wird der Papst in die Geschichte eingehen“: Diese Überzeugung hat der Wiener Theologe und Religionssoziologe Paul Zulehner in einem Interview am Wochenende geäußert.

Das Interview wurde im „Kurier“ stark gekürzt und in seinem Blog zulehner.wordpress.com in voller Länge publiziert. Nach seinem nunmehr siebenjährigen Pontifikat erlebe Franziskus von beiden Seiten her Widerstand: Die Konservativen seien besorgt, „dass er vielleicht was ändert“; die Reformer sind „ungehalten, dass er strukturell bisher zu wenig geändert hat“.

Letztlich gehe es dem Papst um Veränderungen, bei denen möglichst alle mitziehen. Zulehner zitierte dazu Nelson Mandela: „Echte Veränderungen vollziehen sich langsam!“ Wenn der Papst einmal den Prozess der Synodalisierung der katholischen Weltkirche in Gang setze, „ist dieser nicht mehr umkehrbar“, erklärte der Pastoraltheologe. Diesen im Stil des herkömmlichen Stils päpstlicher Amtsausübung nur zu dekretieren, könnte dazu führen, dass ihn der nächste Papst ins Gegenteil verkehrt.

Papst will „wirkliche Veränderung“

„Genau das will der Papst nicht“, so Zulehner. Er wolle vielmehr die Amtskultur des Papstes und der Bischöfe derart tiefgreifend verändern, dass sich die Kirche tatsächlich nachhaltig entwickelt. „Das Revolutionäre an Papst Franziskus ist also, dass er wirkliche Veränderung will und nicht nur dekretiert.“

Papst Franziskus habe schon viele Regionen ermutigt, synodale Wege zu gehen, erinnerte Zulehner etwa an Amazonien, das im Mittelpunkt einer Weltbischofssynode stand, die sich jetzt auf ganz Lateinamerika auswirke. Auf diesem Weg könne der Papst die katholische Kirche nachhaltig verändern und sie befähige, die großen Herausforderungen der Welt von heute glaubwürdig mitzugestalten: Zulehner nannte hier die Themen Klimawandel, Migration, Armut und Unterdrückung.

Deutschland gespalten

Auch innerkirchlich werde es beim synodalen Weg „nicht nur um schöne Worte gehen“ – im Sinne von: Hört einander zu, macht Dialog, ihr könnt über alles reden. Sondern es müsse auch klare Reformvorschläge geben, die – so Zulehner – auch in die Strukturen der Kirche eingehen „und den ererbten Klerikalismus, also den Missbrauch der geistlichen Macht im autoritär-monarchistischen Sinn, abbauen“.

Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner
Kathpress/Johannes Pernsteiner
Theologe Zulehner: „Den Missbrauch der geistlichen Macht im autoritär-monarchistischen Sinn abbauen“

Es gebe zwar Kräfte, die nicht wollen, dass dieser synodale Weg gelingt, räumte der Wiener Theologe ein. In Deutschland etwa sei die Bischofskonferenz diesbezüglich gespalten. Letztlich unterstütze der Papst alle synodalen Prozesse in den Teilkirchen, auch in Deutschland, zugleich habe er auch hohe spirituelle Ansprüche an diese und fordere mehr als nur „einen Kampf der Interessen“.

Flügelstürmer allein reicht nicht

Zulehner nannte die Einschätzung von Organisationswissenschaftlern „beruhigend“, wonach sie die ganze Organisation bewege, wenn sich ein Viertel der Organisation bewegt. Auch die Konservativen spielen nach den Worten Zulehners im Prozess eine wertvolle Rolle als „Anwälte der Tradition“, während die Progressiven eher „die Anwälte der Situation“ seien.

Der Theologe verglich die Lage der Kirche mit einem Fußballspiel: „Es reicht nicht allein ein guter Flügelstürmer, es braucht auch gute Verteidiger. Beide zusammen bilden eine gute Kirchenmannschaft auf dem Platz der Welt.“

Vorreiterin Katholische Aktion

Als Beispiel für die von Franziskus ausgelöste Dynamik verwies Zulehner auf den synodalen Weg der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ), der größten Laienbewegung im Land. Dabei seien in einer ersten Phase eine Menge anstehender Themen eruiert worden – ökologische, soziale, geschlechterspezifische.

Thematisiert worden sei auch eine heute angemessene Kirchengestalt „wie gleiche Mitsprache aller, die Rolle der Frauen in allen Bereichen kirchlichen Lebens, die Wahl von Leitungskräften, sogar über ein Kirchenparlament wird nachgedacht“. Wenn Ähnliches jetzt in der ganzen Weltkirche in allen Diözesen in Bewegung komme, „dann kommt die Kirche als Ganze in Bewegung“, so Zulehner.

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) habe sehr viele Dekrete erlassen und „natürlich auch einiges verändert“. Dennoch hätten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. viele dieser Reformen wieder zurückgefahren: „Das Kirchenrecht von 1983 ist weitaus restriktiver als das Zweite Vatikanische Konzil es war“, nannte Zulehner ein Beispiel. Jetzt komme die Umkehrung, die sich erneut auf das Kirchenrecht auswirken müsse.

Spekulationen über Papst-Wahl-Modus

Zum möglichen Nachfolger von Papst Franziskus meinte Zulehner, es gebe in der Synodenumfrage bemerkenswerte Vorschläge, einen Papst anders zu wählen – nämlich nach einem Delegiertensystem in Ergänzung zum jetzigen Modus der Wahl durch das Kardinalskollegium. Dazu werde es wohl bei der Wahl des Nachfolgers von Franziskus noch nicht kommen, so Zulehners Einschätzung.

„Aber der Papst hat einen beträchtlichen Teil des Kollegiums ernannt, die verstanden haben, dass es dem Papst um die Überwindung einer autoritären Kirchengestalt geht, die sich an die Ränder der Weltgesellschaft bewegt. Das macht Hoffnung, dass einer gewählt wird, der wie Franziskus ‚nach der Herde riecht‘.“