Finanzgeschäfte

Finanzprozess im Vatikan auf Dezember vertagt

Der Mammutprozess im Vatikan rund um Finanzgeschäfte des Staatssekretariats ist am Mittwoch fortgesetzt und erneut vertagt worden. Die vierte Gerichtsverhandlung seit Beginn des Verfahrens im Juli wurde nach einigen Stunden Beratungen beendet.

Bei der Gerichtsverhandlung am Mittwoch ging es um nachgereichtes Beweismaterial der vatikanischen Strafverfolgung. Der Prozess wird mit einer Verhandlung am 1. Dezember fortgesetzt, verlautete aus dem Vatikan.

Anfang Oktober hatte der zuständige Richter Giuseppe Pignatone Strafverfolger Alessandro Diddi erneut aufgefordert, verwendetes Video- und Audiomaterial dem Gericht sowie den Verteidigern der zehn Angeklagten zur Verfügung zu stellen. Die Verteidigung hatte eine Fortsetzung des Prozesses ohne diese Materialien für unmöglich erklärt.

Hauptangeklagter Kardinal Becciu

Hauptangeklagter im Prozess ist Kardinal Angelo Becciu, der im September 2020 auf Druck des Papstes zurückgetreten war. Die zehn Angeklagten sollen alle an dubiosen sowie äußerst verlustreichen Investitionen in eine Luxusimmobilie im Londoner Stadtteil Chelsea beteiligt gewesen sein. Der Vatikan habe das Haus zu einem unangemessen hohen Preis gekauft, weil der Wert der Immobilie überschätzt war, lautet der Verdacht. Rund um die Geschäfte sollen zudem Provisionen und Spesen geflossen sein.

Finanzprozess im Vatikan, Gerichtssaal
APA/AFP/Vatican Media
Am Mittwoch tagte das Gericht im Vatikan

Insgesamt dürfte der Vatikan für das Geschäft einen dreistelligen Millionenbetrag ausgegeben haben. Für den Kauf sollen auch Spendengelder aus dem Peterspfennig, einer jährlichen Kollekte unter katholischen Gläubigen, verwendet worden sein. Der Prozess könnte sich Beobachtern zufolge über Jahre hinziehen.

Streit um Papst als Zeugen

Auf mehrfache Anweisung des Gerichts hin hatte die Strafverfolgung den Verteidigern am 3. November endlich Einsicht in Audio- und Videoaufnahmen sowie schriftliche Protokolle ihrer Vernehmungen gewährt. Diese dienen als Grundlage der Anklageschrift. Allerdings wies das Material Auslassungen auf; auch stimmten laut Aussage mehrerer Verteidiger schriftliche Protokolle nicht immer mit den Aufnahmen überein.

Diese waren zudem nur in Räumen der vatikanischen Gendarmerie einsehbar. Die von der Verteidigung verlangten Dateikopien hingegen habe Strafverfolger Diddi bisher nicht geliefert. Des weiteren kritisierte die Verteidigung die bisher zur Verfügung stehende Zeit als viel zu kurz, um rund 115 Stunden Aufnahmematerial zu sichten.

Debatte über Auslassungen

Diddi verteidigte sein Vorgehen. Die fehlenden Abschnitte beträfen teils Themen, die nicht zum aktuellen Verfahren gehörten; andere Inhalte unterlägen Geheimhaltungsvorschriften. Solche Auslassungen im Beweismaterial gebe es bei allen italienischen Staatsanwaltschaften. Was die Dateikopien angehe, laut Diddi einige Terabyte Datenmaterial, so habe er den Verteidigern mittels einer bisher weitgehend einmaligen Software die Möglichkeit gegeben, das Material online einzusehen.

An einer Stelle verwies der Verteidiger des Finanzmaklers Enrico Crasso, Luigi Panella, auf eine Passage in einem Vernehmungsprotokoll von April 2020, in der die Strafverfolgung den Hauptbelastungszeugen Alberto Perlasca damit konfrontiert, der Papst selbst habe Diddi gegenüber etwas anderes gesagt. Das vatikanische Prozessrecht, so Panella weiter, sehe aber keine Befragung des absoluten Souveräns des Vatikan-Staates vor.

Falls der Papst als oberster Gesetzgeber das bestehende Prozessrecht durch seine Antwort aber faktisch geändert habe und somit als Zeuge befragt worden sei, müsse es dazu ein Protokoll geben. Diddi entgegnete, er habe sich in der Vernehmung auf ein erstes informelles Gespräch mit dem Papst bezogen. Darüber gebe es naturgemäß kein Protokoll. Im Übrigen habe Franziskus selbst bei einer Pressekonferenz im November 2019 über die damals begonnenen Ermittlungsarbeiten berichtet.