Österreich

Missbrauch, Impfen: Mehr Kirchenaustritte

Die Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens im Jänner hat in Bayern zu einer Welle von Austritten aus der römisch-katholischen Kirche geführt. Auch in Österreich stieg die Zahl – hier werden die Gründe dafür aber auch in der Haltung der Kirche zum Impfen vermutet.

Mit zusätzlichem Personal und verlängerten Öffnungszeiten begegneten die Behörden im deutschen Bayern Ende Jänner den bis zu doppelt so vielen Austritten wie in anderen Jahren. Das Gutachten zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Erzbistum München und Freising, das auch den emeritierten Papst Benedikt XVI. belastete, löste Betroffenheit und einen großen Vertrauensverlust aus.

Auch in Österreich sind die Kirchenaustritte bei den zuständigen Behörden für die Monate Jänner und Februar zum Vergleichszeitraum zu 2021 gestiegen. Folgende vorläufige Austrittszahlen wurden religion.ORF.at von den jeweiligen Behörden für die Zeiträume Jänner/Februar 2021 und Jänner/Februar 2022 übermittelt, sie stellen eine Momentaufnahme dar:

Bregenz verzeichnete in den ersten beiden Monaten 2021 179 Austrittserklärungen, 2022 332. Innsbruck hatte im selben Zeitraum 216 und 307 Austritte. In St. Pölten erklärten im Jänner und Februar 2021 104 Personen ihren Austritt, 2022 174 und Wien verzeichnete 2021 1527 und 2022 2417 Austrittserklärungen in den ersten beiden Monaten.

Kontaktaufnahme nach Austrittserklärung

Die Diözesen wiesen gegenüber religion.ORF.at darauf hin, dass, nachdem jemand seinen oder ihren Austritt bei der Behörde erklärt hat, jeder und jedem Einzelnen ein Gesprächsangebot gemacht werde. Manche würden dann von ihrem Entschluss wieder Abstand nehmen. Daher können die oben genannte Zahlen abweichen. Jedes Jahr im Jänner veröffentlicht die Bischofskonferenz die definitiven Aus- und Eintrittszahlen für das vergangene Jahr sowie weitere Statistiken.

Eine Person geht aus einem Kirchenraum
APA/Hans Klaus Techt
Die Haltung der Bischöfe zur Impfpflicht stieß bei manchen Kirchenmitgliedern auf Unverständnis

Emotionale Themen

Manche Diözesen gehen davon aus, dass das Münchner Missbrauchsgutachten eine Rolle bei den gestiegenen Austritten spielt. Was die Kirchenmitglieder laut Paul Wuthe, Sprecher der Österreichischen Bischofskonferenz, in den vergangenen Monaten aber mehr beschäftigte, war die Haltung der Bischöfe zur mittlerweile ausgesetzten Covid-19-Impfpflicht. Hinzu kommt Unverständnis zum Impfen im Stephansdom und das aus mancher Sicht zu strikte Übernehmen der Covid-19-Regeln, wie etwa das Aussetzen von Gottesdiensten zu Beginn der Pandemie.

Bereits im vergangenen Jahr war das für einige Menschen einer der Gründe, aus der Kirche auszutreten. Eine zu große Nähe der Kirche zur Politik wurde kritisiert. Die Seelsorge sei auf der Strecke geblieben, so die Kritik. In Deutschland gab es ebenfalls Kritik an der Aussetzung von Gottesdiensten bzw. der 2-G-Regel – auch in der evangelischen Kirche.

Impfpflicht „abgesegnet“

Die österreichischen Bischöfe, aber auch Papst Franziskus hatten mehrmals zum Impfen aufgerufen. Als die Bischofskonferenz im Dezember und Jänner auch eine Impfpflicht als letzte Möglichkeit zur Pandemiebekämpfung „absegnete“, ging das wohl manchen Mitgliedern zu weit. Die Bischöfe hielten in einer Erklärung vom 6. Dezember 2021 eine befristete Impfpflicht unter bestimmten Voraussetzungen für zulässig:

„Eine Impfpflicht ist ein schwerwiegender Eingriff in die körperliche Integrität und Freiheit des einzelnen Menschen. Sie ist daher nur dann zulässig, wenn unter Beachtung der Verhältnismäßigkeit alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden, um die Bevölkerung – im Fall der Pandemie das Gesundheitssystem und damit Menschenleben – zu schützen.“ Durch diese Stellungnahme hätten viele gesagt: „Das ist nicht meine Kirche, da trete ich aus“, sagte der Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner in der ORF-Sendung „3 am runden Tisch“ am 19. Februar.

Kirche kein politischer Akteur

Die Kirche sei zwar kein politischer Akteur, fühle sich aber für das Gemeinwesen mitverantwortlich, sagte die Pastoraltheologin Regina Polak im Gespräch mit religion.ORF.at. Christlicher Glaube sei „ohne Frage“ politisch, allerdings nicht parteipolitisch.

Diesbezüglich sei man auch vorsichtig, weil die „Allianz von Thron und Altar im Gedächtnis steckt“. Eine solche wolle man vermeiden, man habe aus der Geschichte gelernt. Die Entscheidung pro Impfpflicht sei „gut begründet und theologisch fundiert“ gewesen, so Polak, dahinter sei das Wohl der Gemeinschaft gestanden.

Gewissensfreiheit

Vielleicht habe die Kirche mit ihrer Stellungnahme zur Impfpflicht einen Fehler gemacht, indem sie nicht gesagt habe: „Es gibt eine Position, es (das Impfen) ist vernünftig, man kann so oder so denken, aber folgt dann eurem gut informierten Gewissen“, merkte Zulehner in der TV-Sendung an.

In der Erklärung der Bischöfe findet sich kein Hinweis auf die Gewissensfreiheit. Bischofskonferenz-Sprecher Wuthe sagte dazu, dass die Gewissensfreiheit „selbstverständlich“ und „immer oberste Autorität“ sei. Die Aufgabe der Kirche bestehe darin, Orientierung zu geben, und das habe sie getan.

Innerkirchliche Diskussionen über Positionierungen

Die Gründe für einen Kirchenaustritt seien vielfältig und meist nicht auf ein einziges Ereignis beschränkt, sondern eine gewisse Austrittsbereitschaft sei bei manchen Mitgliedern bereits vorhanden, so Polak. Ein Einzelereignis könne „das Fass zum Überlaufen“ bringen. Sie sieht angesichts der multiplen Krisen (Klima, Krieg, Wirtschaft, Pandemie) und gesellschaftlichen Umbrüchen Diskussionen auf die Kirche zukommen, wie sie sich positionieren soll „und wo der genuine Beitrag der Kirche liegt“.