Ein Mann mit Kippa vor einer verschwommenen Menschenmenge
APA/dpa/Christophe Gateau
APA/dpa/Christophe Gateau
Rezension

Gegen Judenhass: Geschichte des Antisemitismus

Weltweit steigt die Zahl antisemitischer Vorfälle. Warum diese Entwicklung nicht nur für Jüdinnen und Juden problematisch ist, und wie sie mit „historischer Urteilskraft“ überwunden werden könnte, zeigt der Historiker Sebastian Voigt in seinem neuen Buch „Der Judenhass. Eine Geschichte ohne Ende?“.

Historiker Voigt liefert mit seinem Buch einen gut lesbar geschriebenen Einblick in die Entwicklung des „Judenhasses“. Empfehlenswert ist sein neues Buch nicht zuletzt aufgrund der Darstellung jener Diskussionen, die den Antisemitismus durch die Jahrhunderte befeuerten. Viele von ihnen finden sich – wenn auch in abgewandelter Form – in zeitgenössischen Diskussionen wieder. Voigt lädt mit seinem Buch auf unterschiedlichen Ebenen zur Reflexion über die Geschichte und aktuelle Diskurse ein.

Wie er zu Beginn seines Buches betont, sei Antisemitismus nicht bloß Phänomen der politischen Extreme, sondern habe eine „tiefe Verankerung in der Mitte der Gesellschaft“. Die historische Auseinandersetzung mit der Thematik ließe Voigt zufolge daher auch Rückschlüsse auf allgemeine gesellschaftliche Verhältnisse zu. Sie sei für die Überwindung des Antisemitismus unerlässlich.

Entwicklungsgeschichte und Hintergründe

Voigt beschreibt in „Der Judenhass“ dessen Entstehung und Entwicklung über zweieinhalb Jahrtausende. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem deutschsprachigen Raum. Doch Voigts Buch beleuchtet weit mehr als eine Entwicklungsgeschichte. Vielmehr gibt er auch Einblicke in die jüdische Geschichte, ebenso wie in jene der Mehrheitsgesellschaft, in der Juden und Jüdinnen lebten, und klärt über Anliegen philosophischer Debatten und politischer Auseinandersetzungen in diesen Kontexten auf.

Ambivalenzen und Folgen des Nationalismus

Anschaulich beschreibt Voigt, wie Gesetzesvorschriften, theologische und philosophische Debatten im Laufe der Geschichte antijüdische Ressentiments verstärkten. Dabei schafft der Autor es auch, die Ambivalenzen so mancher Entwicklung darzustellen, wenn er etwa mit Blick auf die Aufklärung Ende des 17. Jahrhunderts festhält, dass Philosophen dieser Denkrichtung zwar einerseits die Gleichheit aller Menschen und ihre individuellen Rechte forderten, gleichzeitig aber bestimmte Menschen gerade hiervon ausschlossen.

Cover des Buchs „Der Judenhass. Eine Geschichte ohne Ende?“ von Sebastian Voigt
Hirzel
Sebastian Vogt: Der Judenhass. Eine Geschichte ohne Ende? Hirzel, 232 Seiten, 26,50 Euro, ISBN: 978-3-7776-2937-7

Voigt zeigt auf, welche Rolle ökonomische Umbrüche, Emanzipationsprozesse und vor allem das Aufkommen des Nationalismus spielten. „Die Argumentation nahm rassistische Züge an“ und habe sich im Laufe der Zeit verstärkt. „Damit zeichnete sich eine neue Form der Judenfeindschaft deutlicher ab, die unabhängig vom religiösen Glauben funktionierte.“

Juden als „Prinzip des Bösen“

Voigt gibt in seinem Buch zahlreiche Einblicke auch in die politische Entwicklung, etwa wenn er beschreibt, dass der Liberalismus bei „Judenfeinden“ in Verruf geriet, weil sich viele Juden und Jüdinnen in politisch progressiven Bewegungen engagierten und sich dem Liberalismus anschlossen.

Gleichzeitig kam es aufgrund gesellschaftlicher Verwerfungen und der massenhaften Armut zu einer Gegenbewegung, die darum kämpfte, Löhne und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Auch hier waren Juden und Jüdinnen in führenden Positionen vertreten. Als Beispiele nennt Voigt etwa Karl Marx und Ferdinand Lassalle – beides „assimilierte Juden“.

„Aus antijüdischer Perspektive galten folglich der Kapitalismus und der Liberalismus ebenso als jüdisch wie der Sozialismus und die Arbeiterbewegung.“ Sichtbar werdende Widersprüche spielen Voigt zufolge im judenfeindlichen Ressentiment keine Rolle, sondern gehören häufig „konstitutiv dazu“. Juden und Jüdinnen verkörpern diesem Denken zufolge „das Prinzip des Bösen“ und werden als „Ursache für den Untergang der Gesellschaft und ihrer Prinzipien gesehen“.

Verschwörungsglaube und Gegenstimmen

Die Folgen dieser Vermischung alter antijüdischer Ressentiments, der „modernen Rassentheorien“ und eines Verschwörungsglaubens an eine jüdische Weltherrschaft beschreibt Voigt mit Blick auf die Entwicklung im späten 19. Jahrhundert bis in die frühe Nachkriegszeit. Die Entwicklung des Antisemitismus als politischer Faktor belegt er mit zahlreichen Verweisen auf historische Schriften und Aktionen, die deutlich machen, wie sich der Antisemitismus im damaligen konservativen Milieu verankern konnte.

In einem eigenen Kapitel finden in seinem Buch auch Gegenstimmen Platz. Unter ihnen etwa Theodor Mommsen, einer der bedeutendsten Altertumswissenschaftler des 19. Jahrhunderts, aber auch zahlreiche Vereine, die von Juden und Jüdinnen selbst mit dem Ziel gegründet worden waren, Aufklärungsarbeit „im Kampf gegen den Judenhass“ zu leisten. Ausführlich geht Voigt in diesem Zusammenhang auch auf die Rolle der Sozialdemokratie in Deutschland ein und erklärt, warum sie zwar nicht vor Antisemitismus gefeit war, sich aber „manifester Antisemitismus selten unter aktiven Sozialdemokraten“ fand.

Antisemitismus als radikalisierter „Judenhass“

Wie Voigt beschreibt, radikalisierte sich der „Judenhass“ trotz aller Gegenstimmen weiter. Der neue Antisemitismus sei radikaler als frühere Formen der „Judenfeindschaft“, „weil er etwa die Möglichkeit der Konversion für Juden“ ausschloss. Zudem schwelgte er seit seinem Aufkommen „in Vernichtungsfantasien, indem er Juden mit Bazillen oder Bakterien verglich“.

In einem eigenen Kapitel geht Voigt auf die internationale Dimension des „Judenhasses“ und seine Entwicklungen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ein. Darin beleuchtet er auch die Hintergründe der Überlegungen Theodor Herzls zur Begründung des politischen Zionismus und die daran anschließenden Diskussionen ebenso wie die Folgen der Politik Karl Luegers in Österreich.

Aufklärung und Einladung zur Reflexion

Das Kapitel zur Weimarer Republik bietet nicht nur spannende Einblicke in die politische Entwicklung dieser Zeit, sondern verdeutlicht, wie es zur Gründung der NSDAP und der Errichtung der Diktatur unter Adolf Hitler kommen konnte. Immer wieder stellt Voigt über die Juden und Jüdinnen erfundene Legenden historischen Begebenheiten gegenüber und klärt so auf mehrfache Weise auf.

Der Ausgrenzung und Vernichtung der Juden und Jüdinnen im Nationalsozialismus widmet Voigt ein ausführliches Kapitel, ebenso wie der Nachkriegszeit. Problematisiert werden die gesellschaftliche und die juristische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Voigt führt zahlreiche Beispiele dafür an, wie sich der Antisemitismus ab Ende der 1960er Jahre entwickelte, welchen Einfluss der Nahost-Konflikt hat, und wie der „Judenhass“ auch heute noch fortwirkt. Dabei beleuchtet er unterschiedliche Argumente unaufgeregt und leistet damit einen wertvollen Beitrag für häufig emotional geführte Debatten.