Festschrift des Bundes für Geburtenregelung, 1929
Privatsammlung Karl Sablik
Privatsammlung Karl Sablik
Ausstellung

„Who Cares?“: Leid und Fürsorge im Judentum

Das Jüdische Museum Wien stellt sich in seiner neuen großen Schau „Who Cares?“ die Frage, wie das Judentum mit Leid, Not und Fürsorge umgeht. Angefangen bei den Ursprüngen in der Thora und dem Talmud endet die Ausstellung mit Fragen des 21. Jahrhunderts. Zu sehen ist eine Fülle unterschiedlichster Exponate – darunter nicht zuletzt Sigmund Freuds Arzttasche.

Über 300 Objekte, darunter um die hundert Leihgaben, versammelt die Schau, die meisten stammen aus Wien. „Wien war oft Vorreiter in Sachen Care“, erklärten Kuratorin Caitlin Gura und Kurator Marcus G. Patka im Gespräch mit religion.ORF.at – und jüdische Einrichtungen im medizinischen, psychischen und sozialen Bereich spielten über Jahrhunderte hinweg eine große Rolle.

Ausgehend vom uralten jüdischen Gebot des „Tikun Olam“ („Verbesserung der Welt“), das ebenso wie die Thora (3. Mose 19,18) zur Sorge für den Nächsten aufruft, und dem Wohltätigkeitsgebot „Zedaka“ folgt die Schau in chronologischer Anordnung den Gedanken von Empathie und Solidarität im Judentum. Auf vier „Säulen“ habe man die Ausstellung gestellt, so die Kuratorin: eine medizinische, eine soziale, eine psychologische und eine ökologische.

Ausstellung „Who Cares?“ im Jüdischen Museum Wien
Momentosphere by Tobias de St. Julien

Utopie vs. Dystopie

Neben Texten, Bildern und großen und kleinen Objekten ergänzen erklärende Videos auf insgesamt neun Bildschirmen das Gezeigte. Abgesehen von einem ersten Raum, der utopische und dystopische Zukunftsentwürfe zu den behandelten Themen gegenüberstellt und eine sozialutopische Installation von Friedensreich Hundertwasser (1928–2000) sowie ein Modell für soziales Wohnen von Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000) in den Mittelpunkt stellt, ist die Ausstellung mehr oder weniger chronologisch angeordnet.

Eine markante Farbführung an Wänden und Inventar soll das Gezeigte emotional unterstützen. Der Fürsorgegedanke bildet sich auch auf der Ebene der Präsentation ab: Jedes Exponat kann bequem vom Rollstuhl aus betrachtet werden. Die Tische, auf denen die Vitrinen stehen, sind abgerundet und in freundlichen Farben gehalten.

Ausstellung „Who Cares?“ im Jüdischen Museum Wien
Momentosphere by Tobias de St. Julien

Die Bedeutung jüdischer Ärztinnen und Ärzte im Mittelalter beschränkte sich nicht auf die eigenen Gemeinden – sie fungierten durch Übersetzungen medizinischer Texte auch als Vermittler zwischen der arabischen und der europäischen Sphäre. Gebote wie die Absonderung Kranker und das Reinigen der Hände fanden sich schon überraschend früh in der jüdischen „Care-Work“, jüdische Ärzte waren sehr gefragt und arbeiteten als Leibärzte von Sultanen.

Jüdische Ärztinnen im Mittelalter

Dass es im Mittelalter auch Ärztinnen gab, ist übrigens gut belegt, etwa am Beispiel von Sarah aus Würzburg, die 1419 eine Lizenz für eine medizinische Praxis bekam. Gerade in der Geburtshilfe spielten jüdische Hebammen und Krankenschwestern eine große Rolle. Im Museum findet sich unter anderem auch eine Anweisung an christliche Hebammen, tot geborene Babys von Jüdinnen nicht notzutaufen. Amulette und Glücksbringer jüdischer wie christlicher Herkunft zeugen von den sehr konkreten Sorgen von Schwangeren und Müttern.

Sigmund Freuds Arzttasche, Sigmund Freud Privatstiftung
Günter König/Sigmund Freud Privatstiftung
Der „Vater der Psychoanalyse“, Sigmund Freud, ist unter anderem in Form seiner Arzttasche vertreten

Prominente und weniger prominente Namen kommen vor – darunter selbstverständlich auch der des „Vaters der Psychoanalyse“, Freud, der in Wien praktizierte und dessen Arzttasche man unter anderem bewundern kann. Die Ausstellung würdigt aber gerade auch die oft übersehenen Dienste von Krankenpflegerinnen und Menschen, die sich sozial Schwächeren widmeten, sowie Müttern und Frauen, die im sozialen Bereich arbeiteten, Leiterinnen und Gründerinnen von Schwesternschulen, karitativen und medizinischen Einrichtungen, darunter Julius Tandler, die bekannte Freud-Patientin Bertha Pappenheim und Henriette Weiss.

Ausstellungshinweis

„Who Cares? Jüdische Antworten auf Leid und Not“. 31. Jänner bis 1. September 2024, Jüdisches Museum, Dorotheergasse 11

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert gab es sehr viele solcher Einrichtungen – ein staatlich organisiertes soziales Netz in der heutigen Form existierte nicht. Ein 1934 aufgelöster „Bund für Geburtenregelung“ richtete sich in Vorträgen unter anderem gegen den „Mutterschaftszwang“. Neben vielen interessanten Dokumenten – Postkarten, Urkunden, Briefe und Papierschnipsel – gibt es auch großartige Kunst zu sehen wie Käthe Kollwitz’ „Tod, Frau und Kind“ von 1910, das das Bedrohliche an der Mutterschaft hervorhebt, und Max Oppenheimers bedrückende „Operation“ (1951).

Festschrift des Bundes für Geburtenregelung, 1929
Privatsammlung Karl Sablik
Festschrift des Bundes für Geburtenregelung, 1929

Zerstörung in der NS-Zeit

In der NS-Zeit wurden jüdische Vereine und Organisationen zerstört, viele Ärzte und Wissenschaftlerinnen flüchteten, wurden am Arbeiten gehindert und zuletzt ermordet – die jüdische Bevölkerung war in jeder Hinsicht unterversorgt. Jüdische Ärztinnen und Ärzte, die noch eine Zeitlang praktizieren konnten, waren gezwungen, ihre Praxen und alle Dokumente mit dem Davidstern zu kennzeichnen. Der „Braindrain“, der Verlust geistigen und wissenschaftlichen Potenzials, den Europa durch die Vertreibung und Vernichtung der Juden erlitt, war enorm.

Aktuelle Bezüge etwa auf den aktuellen Krieg in Nahost und rezente Flüchtlingsbewegungen kommen in „Who Cares?“ nicht vor. Der Pressetext zur Schau hebt „angesichts der Dringlichkeit globaler Herausforderungen wie Krieg, Terror und Klimakatastrophen“ die Notwendigkeit hervor, „das Trennende zu überwinden und das Einende als das Prinzip in der Bekämpfung des globalen Elends zu erkennen“.

Sasha Okun: Armageddon (2013–2017), Ausstelllung „Who Cares?“ im Jüdischen Museum Wien
Courtesy of Michael Marx of Artso Limited
Sasha Okun: „Armageddon“ (2013–2017)

Apokalyptische Ängste und Umwelt-„Caring“

Der letzte Teil der Schau beschäftigt sich mit dem Gedanken des „ökologischen Caring“, also der Sorge um und Fürsorge für die Umwelt und den Planeten. Apokalyptische Ängste bündelt das starke Gemälde des israelischen Malers Sasha Okun, „Armageddon“ (2013–2017), das ein gepeinigtes menschliches Wesen irgendwo zwischen Himmel und Erde schwebend zeigt, dunkle Wolken kündigen schon den Untergang an.

Die eindrucksvolle Videoarbeit der US-amerikanischen Künstlerin Julie Weitz „Prayer for Burnt Forests“ (2021), in der Weitz mit den Überresten eines verbrannten kalifornischen Waldes interagiert, beschließt die Ausstellung. „Who Cares?“ ist nicht in einer Stunde zu konsumieren, wer der umfangreichen und liebevoll kuratierten Schau gerecht werden will, sollte sich genug Zeit dafür nehmen.