Papst Franziskus mit Erzbischof Georg Gänswein
REUTERS/Tony Gentile
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Interview

Papst-Buch: Vorwürfe gegen Gänswein und „Verschwörung“

Papst Franziskus hat dem langjährigen Vertrauten seines verstorbenen Vorgängers Benedikt XVI., dem deutschen Erzbischof Georg Gänswein, einen „Mangel an Menschlichkeit“ vorgeworfen. Weiters berichtet der Papst von einer Verschwörung in der vatikanischen Kurie.

In einem neuen Buch mit Interviews, das an diesem Mittwoch auf Spanisch erscheint, hielt der 87-Jährige Benedikts ehemaligem Privatsekretär vor, den deutschen Papst „benutzt“ zu haben. Damit bezog er sich darauf, dass Gänswein unmittelbar nach Benedikts Tod an Silvester 2022 ein Buch veröffentlicht hatte. Im vergangenen Jahr hatte Franziskus den Erzbischof nach vielen Jahren in Rom zurück nach Deutschland versetzt, ohne ihm eine neue Aufgabe zu geben.

In dem Interviewbuch „El Sucesor“ („Der Nachfolger“) des spanischen Vatikan-Korrespondenten Javier Martínez-Brocal warf der Papst Gänswein auch vor, Unwahrheiten verbreitet zu haben. „Das ist sehr traurig“, sagte das Oberhaupt von weltweit 1,4 Milliarden Katholikinnen und Katholiken.

„Benedikt benutzt“

„Aber es hat mich verletzt, dass Benedikt benutzt wurde. Das Buch wurde am Tag der Beerdigung veröffentlicht, was ich als einen Mangel an Noblesse und Menschlichkeit empfand.“ Das Verhältnis zwischen dem argentinischen Papst und Gänswein (67) gilt bereits seit vielen Jahren als belastet.

Papst benedikt XVI. mit Erzbischof Georg Gänswein 2007
APA/Robert Jaeger
Papst Benedikt XVI. und Erzbischof Gänswein im Jahr 2007

Gänswein hatte sich nach Benedikts Rücktritt 2013 fast zehn Jahre lang als engster Vertrauter um den emeritierten Pontifex gekümmert. Gleich nach dessen Tod veröffentlichte er ein Buch unter dem Titel „Nichts als die Wahrheit“, das es in Deutschland kurzzeitig auf Platz eins der Sachbuch-Bestsellerliste schaffte.

Kritik an Bestseller

Auch von anderer Seite gab es jedoch bereits viel Kritik. So meinte beispielsweise der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper: „Es wäre besser gewesen zu schweigen.“ Nach dem Abschied aus Rom lebt der gebürtige Schwarzwälder Gänswein nun wieder in seinem Heimatbistum Freiburg.

In dem Interviewbuch berichtet Franziskus auch über das Konklave 2005, bei dem der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger als erster Deutscher seit vielen Jahrhunderten zum Papst gewählt wurde. Demnach hatten einige andere Kardinäle damals den Plan, Ratzingers Wahl zu blockieren, indem sie Jorge Mario Bergoglio gegen ihn in Stellung bringen und dann aber einen anderen Kandidaten durchsetzen wollten.

Der damalige Erzbischof von Buenos Aires erhielt seinerzeit im Konklave auch 40 von 115 Stimmen. Dann erklärte er jedoch seinen Verzicht, sodass der Weg für Ratzinger frei war. Nach Benedikts Rücktritt 2013 wurde Bergoglio dann zum Nachfolger gewählt.

Verschwörung in der Kurie

Weiters berichtet der Papst in dem Buch von einer Verschwörung in der vatikanischen Kurie und über Dokumente, die ihm sein Vorgänger Benedikt XVI. am 23. März 2013 in Castelgandolfo überreichte. Das Material hatten seinerzeit die Kardinäle Julian Herranz, Jozef Tomko und Salvatore de Giorgi im Auftrag von Benedikt zusammengestellt.

Laut Franziskus wurde damals eine Verschwörung aufgedeckt, zu der hauptsächlich Männer „aus der zweiten Reihe“ gehörten. Unter anderem habe sich die Verschwörung gegen den späteren Kardinal Pietro Parolin gerichtet. Die Verschwörer hätten verhindern wollen, dass Parolin anstelle von Kardinal Tarcisio Bertone neuer Kardinalstaatssekretär wurde. Dieses Amt hat Parolin seit Oktober 2013 inne.

Der Papst führte aus, dass einige Kurien-Funktionäre „in der zweiten Reihe“ an dem Komplott beteiligt gewesen seine. Papst Benedikt XVI. habe schon in einer Amtszeit einige von ihnen versetzt und seinem Nachfolger empfohlen, weitere Umbesetzungen aus diesem Grund vorzunehmen. Mit einigem zeitlichen Abstand habe er dies dann auch getan. Namen und Funktionen der Betroffenen nannte der Papst in dem Buch nicht.

Kurswechsel dementiert

In „El Sucesor“ dementiert Papst Franziskus auch, dass er nach dem Tod seines Vorgängers Benedikt XVI. am 31. Dezember 2022 den eigenen kirchenpolitischen Kurs geändert habe. „Ich habe danach (das Pontifikat) in gleicher Weise weitergeführt. Und dabei immer an ihn (Papst Benedikt XVI.) erinnert“, sagte der Papst.

Weiter erklärte Franziskus, sein Vorgänger habe in den ersten Jahren des Zusammenlebens oft mit ihm gesprochen; Benedikt habe sich aber nie eingemischt und ihm alle Freiheiten in seinen Entscheidungen gelassen. Nur einmal habe er ihm gesagt, dass er eine Entscheidung nicht verstehe. Daraufhin habe er sie ihm erklärt. Nie habe der Vorgänger ihm die Unterstützung entzogen, auch wenn es „vielleicht mal etwas gab, womit er nicht einverstanden war – aber das sagte er nie“.

Keine Änderung des Konklaves

Er plane keine grundlegende Änderung der geltenden Normen für die Wahl seines Nachfolgers, so der Papst weiter. „Da ist nichts dran“, wird er in dem Interview-Buch zitiert. Einige Medien hatten über Änderungen spekuliert. Weiter führte Franziskus zum Modus der Papst-Wahl aus: „Ich habe nichts daran geändert, weil mir die Sache zweitrangig erscheint. Der Mechanismus funktionierte sehr gut bei den beiden Konklaven, an denen ich teilgenommen habe. (…) Vielleicht wäre es sinnvoll, einige Dinge zu ändern. Aber die erscheinen mir nicht dringend zu sein, und ich muss mich dem vorerst nicht widmen.“