Mord im Namen der Ehre

ORF/Journeyman Sales/© Abeer Zeibak Haddad

Mord im Namen der Ehre

Es ist eine Art Gruselgeschichte, die sich vor vielen Jahren in Nazareth zugetragen haben soll und den Ausgangspunkt dieser Dokumentation bildet: Eine junge Palästinenserin wird getötet, weil sie die Ehre der Familie verletzt hat.

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ORF

Sendungshinweis

Di., 02.07.2019
22:35 Uhr, ORF 2

Eines Nachts schleicht sich die Großmutter in das Zimmer des Mädchens und tropft der Schlafenden Quecksilber ins Ohr. Das Mädchen stirbt sofort. Die palästinensische Regisseurin Abeer Zeibak Haddad erzählt diese Geschichte in ihrer Dokumentation Mord im Namen der Ehre, die kreuz und quer am kommenden Dienstag zeigt.

Sie selbst erinnert sich aus ihrer Kindheit daran, das Schicksal des Mädchens hat sich damals tief in ihr Gedächtnis gegraben. Vielleicht auch, so sagt sie, weil ihr Familienname „Zeibak“ Quecksilber bedeutet.

Der Erzählung gegenüber steht die reale Situation: Immer wieder werden palästinensische Frauen und Mädchen zu Opfern sogenannter „Ehrenmorde“. Sie werden erschossen, erstochen oder erwürgt. Die Täter sind häufig männliche Verwandte der Frauen. Vor diesem Hintergrund macht sich die Filmemacherin auf eine – immer wieder auch sehr persönliche – Spurensuche durch die palästinensische Gesellschaft.

Haddad reist durch Israel und die palästinensischen Gebiete, führt Gespräche mit ganz unterschiedlichen Akteurinnen und sammelt Geschichten, Geständnisse, Beweise und Gerüchte. Sie trifft Frauen, deren eigene Erlebnisse Betroffenheit erzeugen, und Aktivistinnen, die sich für Frauenrechte stark machen.

Sie spricht mit einer Politikerin und Psychologin über die verborgenen Mechanismen, die es möglich machen, dass so genannte „Ehrenmorde“ fast schon als Teil der Kultur betrachtet werden. Und sie trifft die Eltern einer jungen Frau, die von einem Unbekannten erschossen wurde.

Die Dokumentation erzählt von Frauen und Mädchen, die im Namen der Ehre ermordet wurden. Und von jenen, die dem Schlimmsten entkommen konnten – und doch schwer an den Folgen der Geschehnisse tragen.

Da ist etwa Halaa. Ihr fällt es hörbar schwer, ihre Geschichte zu erzählen. Immer wieder stockt die junge Frau. Die heute 24-Jährige verlobt sich als Jugendliche mit einem Burschen aus ihrem Dorf. Doch Halaa zieht schließlich zum Studieren in eine andere Stadt, macht neue Erfahrungen und verändert sich. Es kommt zum Streit mit dem Verlobten und er schlägt sie. Halaa will die Verlobung lösen – doch statt Unterstützung von Seiten ihrer Eltern zu erhalten, greift ihr Vater sie mit einem Messer an. Ihre Tante rettet sie vor Schlimmerem.

Tagelang verbarrikadiert sich Halaa danach mit ihrer Schwestern in ihrem Zimmer. Die beiden schlafen in Schichten, aus Angst, der Vater könne sich sonst unbemerkt Zutritt verschaffen. – Heute arbeitet die junge Frau und finanziert sich so selbst Studiengebühren und Miete. Ihre Mutter halte die Tochter dennoch für „schlecht“, sagt Halaa.

Eine andere junge Frau, Amal, ist traumatisiert. Die palästinensische Gesellschaft sei patriarchal und Frauen hätten keinerlei Rechte, sagt sie. Sie selbst hat schwer verletzt einen Mordversuch ihres eigenen Bruders überlebt. Doch die Unterstützung ihrer Umgebung galt nicht etwa der jungen Frau, sondern dem Bruder. „Alle stellten sich gegen mich“, erzählt sie.

Doch es gibt immer mehr, die diese Situation nicht länger hinnehmen wollen. Da ist etwa die unabhängige Frauenrechtsorganisation SAWA, die sich für die Rechte von Frauen und Mädchen in der palästinensischen Gesellschaft einsetzt. „In unserer Gesellschaft muss nur das Mädchen seine Ehre bewahren“, kritisiert eine SAWA-Aktivistin. Sie müsse bei der Heirat Jungfrau sein, unterliege sozialen Zwängen und müsse jederzeit gegenüber der gesamten Familie Rechenschaft über ihr Verhalten ablegen.

Und unerschrockene Frauen und auch Männer demonstrieren offen gegen Gewalt gegen Frauen, gegen die Praxis der „Ehrenmorde“. Schon der Begriff hat schließlich fast etwas Euphemistisches: „Ein Verbrechen ist und bleibt ein Verbrechen“, ruft eine Demonstrantin ins Mikrofon. Niemand könne behaupten, das habe irgendetwas mit Ehre zu tun.

Regie: Abeer Zeibak Haddad
ORF-Redaktion: Christoph Guggenberger
Deutschsprachige ORF-Bearbeitung: Sabine Aßmann