Mit Ärger umgehen

Wie gehen Sie mit Ärger um? Stampfen Sie auf den Boden, schreien, seufzen tief oder schütteln Sie still den Kopf? Manche laufen sich den Ärger weg, andere fallen in sich fast zusammen.

Zwischenruf 16.8.2020 zum Nachhören (bis 15.8.2021):

Die Kirche macht einem das Leben nicht immer leicht. Da gab es in den letzten Monaten Instruktionen und vatikanische Schreiben, es gibt Entscheidungen von Kirchenoberen, die ärgerlich machen. Hier kommt bei mir zumindest ein tiefer Seufzer heraus.

Gabriele Eder-Cakl
ist katholische Theologin und Pastoralamtsdirektorin der Diözese Linz

Kirche leben

Da arbeiten ich und andere nach bestem Wissen und Gewissen an Zukunftswegen und an einer zeitgemäßen Kirche – und dann können Entscheidungen nicht gefällt werden, weitere Schritte nicht getan werden, weil eben alles noch genauer bedacht, formuliert und definiert werden muss, damit es auch wirklich in das kirchliche System hineinpasst. Da bemühe ich mich als Leitungsperson um eine menschenwürdige Mitarbeiter/innen-Führung und dann werden andernorts offensichtliche Fehler in der Leitungsarbeit gemacht.

Es ist mir ganz bewusst, dass wir als Kirche in Österreich Teil der Weltkirche sind. Aber aus unserer konkreten Erfahrung am Ort, unseren vielen Gesprächen mit den Gläubigen und Mitarbeiter/innen heraus, haben wir konkrete Modelle für eine wirksame Seelsorge entwickelt, Modelle des Miteinanders von Laien und Priestern, von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen. Wir leben dies seit vielen Jahren mit großem professionellem Einsatz. Diese Realität der Partizipation und Beteiligung - immer im Rahmen der geltenden kirchlichen Regelungen -, möchten wir anerkannt wissen. Wir haben nicht vor, diese zu verleugnen, weil es unsere kirchliche Identität ist.

Ein gangbarer Weg

Die vatikanischen Schreiben haben Auswirkungen auf unsere konkreten Zeitpläne in der Diözese. Wir müssen teilweise anhalten, neu bearbeiten, Entscheidungen verschieben. Unsere Leute sind unsicher und drängen auf Antworten. Was können wir als Leitungspersonen nun unseren Mitarbeiter/innen sagen und mitgeben? Wie gehen wir selbst mit diesen Unsicherheiten und Zwischenzuständen um?

Zwischenruf
Sonntag, 16.8.2020, 6.55 Uhr, Ö1

In dieser verkorksten Situation lenke ich den Blick einmal von mir weg. Ich selbst werde diese Welt nicht alleine retten. Ich stelle die Situation in einen größeren Zusammenhang, kann als Glaubende Gott um Trost und Frieden bitten, der mir hoffentlich Stärke für’s Weitergehen gibt.

Die Gemeinschaft von Taizé hat in diesen Wochen ihre Lieder neu aufgenommen und eines davon als Hörprobe zur Verfügung gestellt. „Gott, zeig mir den Weg und mache mich bereit, auf ihm zu gehen. Gott, zeig mir den Weg. Gib meinem Herzen Frieden.“ Ja, das ist es, was ich mir wünsche, worum ich bete: Gott, zeige uns in unserer Religionsgemeinschaft den rechten Weg, den wir auch gehen können und der unsere Seele ruhig werden lässt.

Knoten lösen

Fast gleichzeitig hat mich Bischof Manfred Scheuer auf ein Bild in der Wallfahrtskirche St. Peter am Perlach in Augsburg aufmerksam gemacht. Es heißt „Maria Knotenlöserin“. Darauf ist Maria dargestellt, wie sie mit Hilfe von Erzengel Michael und Gabriel die Knoten in einem Band löst. Dieses Bild ist wahrlich befreiend und tröstend. Sehr souverän steht Maria da – unsere Heilige vor allen Heiligen, unser Vorbild im Glauben. Und sie löst einen „Knopf“ nach dem anderen. Scheinbar selbstverständlich und sehr leicht. Ganz klein wird am unteren Ende des Bildes der dritte Erzengel Raphael dargestellt, wie er mit einem sichtbar befreiten Menschen in die Zukunft aufbricht.

Ja - es kann hilfreich sein, beim Lösen der vielen Knoten im persönlichen Leben, aber auch im Leben der kirchlichen Gemeinschaft, den Blick auf Gott und die Heiligen zu richten. Aus dem christlichen Glauben heraus kann ich meinen Ärger und meine Unsicherheit zu Gott hinlegen und darauf hoffen, dass der richtige Weg sich auftut. Dies ist kein billiges Abschieben der Verantwortung, sondern ein erwachsenes, religiöses Handeln. Viele sehr bedeutende Heilige legen ihr Leben gerade in Krisen in Gottes Hände. Der Blick von dieser anderen Perspektive lässt nämlich das eigene Profil klarer sehen und dadurch mit neuem Selbstbewusstsein nächste, realistische Schritte am konkreten Zukunftsweg setzen.