Kirche und Staat nach 1945: Alte Lasten und neue Allianzen

Eine Praxis Spezial im Rahmen der Praxis-Sommerserie „Das Beste zum Wiederhören“.

Neue Allianzen – Das Verhältnis von katholischer Kirche und Staat nach 1945

Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte auch für die römisch-katholische Kirche in Österreich neue Chancen und Herausforderungen mit sich: Die von den Nationalsozialisten zerschlagenen kirchlichen Organisationen wurden neu aufgebaut und auch die belastete Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem österreichischen Staat, vor allem das Verhältnis zwischen Kirche und Sozialdemokratie, begann sich zu bessern. Das im Vorfeld des Katholikentages vom September 1952 veröffentlichte „Mariazeller Manifest“ stellte eine Abwendung vom politischen Katholizismus in Richtung einer freien Kirche in einer freien Gesellschaft dar. Federführend auf dem Weg zu einem neuen Verhältnis zwischen Politik und Kirche waren in den 1970er-Jahren Bundeskanzler Bruno Kreisky und der Wiener Erzbischof Kardinal Franz König.

Praxis
Mittwoch, 26.8.2020, 16.05 Uhr, Ö1

Bis in die unmittelbare Nachkriegszeit war es üblich gewesen, dass von den Kanzeln der Kirchen vor Wahlen direkte Empfehlungen kamen, wen christliche Bürgerinnen und Bürger wählen sollten. Kardinal König machte dem ein Ende und stellte klar: „Ich bin kein Bischof der ÖVP und kein Bischof der SPÖ, kein Bischof der Unternehmer und keiner der Gewerkschafter, nicht ein Bischof der Bauern und nicht einer der Städter. Ich bin der Bischof aller Katholiken. Die Kirche ist für alle da, sie fühlt sich verantwortlich für alle Menschen, auch für jene, die ihr formell nicht zugehören.“ Bald nannte man König den „roten Kardinal“, was in konservativen Kreisen nicht als Kompliment gemeint war. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Alte Lasten und das Werben um ehemalige Nazis

Die katholische Kirche und die Parteien der Zweiten Republik warben nach dem Zweiten Weltkrieg um neue Mitglieder: Die während der Nazi-Ära aus der Kirche Ausgetretenen wurden ebenso heftig umworben wie die ehemaligen NSDAP-Mitglieder, stellt die ORF-Redakteurin und promovierte Kirchenhistorikerin Eva Maria Kaiser in ihrem Buch „Hitlers Jünger und Gottes Hirten“ fest.

Buchhinweis:
Eva Maria Kaiser, „Hitlers Jünger und Gottes Hirten“, Böhlau Verlag

Eine der Überraschungen bei ihren Recherchen über den Umgang der Kirche mit dem Nationalsozialismus nach 1945 sei gewesen, dass Rückkehrwilligen in die Glaubensgemeinschaft keinerlei Buße oder Selbstkritik in Bezug auf ihr Agieren während der NS-Zeit auferlegt wurde. Anstatt sich nach Kriegsende mit eigenen Verfehlungen auseinanderzusetzen, hätten viele Bischöfe im Einklang mit der politischen Führung in der Nachkriegszeit am österreichischen „Opfermythos“ mitgebaut. – Gestaltung: Martin Gross

Die goldenen Jahre der katholischen Kirche

Die Jahre nach 1945, bis in die 60er-Jahre hinein, könnte man als eine Goldene Ära der römisch-katholischen Kirche in Österreich bezeichnen. Der Kirchenhistoriker Rupert Klieber spricht von „einer Hochblüte der Kirchlichkeit“. Die Kirchenbänke waren so voll besetzt wie schon lange nicht. Nach den Kriegswirren und in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit haben viele Katholikinnen und Katholiken in ihrer Kirche nach einem sicheren Hort, nach Trost für Verluste, die sie erlitten hatten, und einer neuen Beheimatung in alten Traditionen gesucht. Zudem hat es von Seiten der katholischen Kirche große Bemühungen gegeben, viele der rund 300.000 während des Nazi-Regimes Ausgetretenen wieder zurückzuholen. Soziale und rechtliche Faktoren haben für diesen kirchlichen Boom ebenfalls eine Rolle gespielt, hat Kerstin Tretina recherchiert. – Gestaltung: Kerstin Tretina

Moderation: Judith Fürst

Praxis 26.8.2020 zum Nachhören (bis 25.8.2021):