Kompromiss mit Gott

In der Bibel ist sogar Gott kompromissbereit. Er lässt mich sich handeln. Im Buch Genesis steht die Geschichte, dass Gott beschlossen hat, die Stadt Sodom zu vernichten, weil dort Hass und Gewalt herrschen.

Gedanken für den Tag 11.9.2020 zum Nachhören (bis 10.9.2021):

Abraham, ein Stammvater des biblischen Volkes Israel, hat Mitleid mit seinen Landsleuten und versucht Gott umzustimmen: Es gibt doch in Sodom auch gute und gerechte Menschen. Gott kann doch die nicht einfach mit allen anderen vernichten wollen. In einer großartigen Szene handelt Abraham mit seinem Gott wie auf einem orientalischen Basar. Er ringt Gott zunächst ab, dass dieser die Stadt nicht vernichten wird, wenn sich in ihrer Mitte mindestens 50 Gerechte finden. Und dann feilscht Abraham weiter um 45, 40, 30, 20 Gerechte und erreicht schließlich, dass Gott auch um zehn guter Menschen willen auf sein Strafgericht über die Stadt verzichten würde.

Veronika Prüller-Jagenteufel
ist theologische Referentin in der Caritas St. Pölten und Seelsorgerin für Demenzkranke

Engagement und soziale Verpflichtung

Ich liebe diesen Gott, der bereit ist, sich auf einen Kompromiss einzulassen. Er hat offenbar keinerlei Angst, er könnte Autorität oder Ansehen dabei einbüßen, wenn er mit sich reden lässt und nachgibt. Gott und Abraham haben bei ihrem Handel einen gemeinsamen Bezugspunkt: nämlich eine neue Chance für das gute Zusammenleben der Menschen. Sie nehmen gemeinsam die in den Blick, die sich sogar in Sodom darum bemühen. Diese mögen unter vielen anderen eine Minderheit sein, aber sie sind entscheidend für das Wohlergehen aller, für eine letzte Chance auf wachsende Mitmenschlichkeit.

Das gute Leben aller ist auch heute im Privatleben wie in der Politik der entscheidende Bezugspunkt für faire Kompromisse. In ihnen siegt nicht ein Einzelner oder eine Gruppe, sondern das gemeinsame Menschsein.

PS: Auf Spanisch ist die erste Bedeutung des Wortes „compromiso“: Engagement und soziale Verpflichtung.

Musik:

Martha Argerich/Klavier und Mischa Maisky/Violoncello: „Vanitas vanitatum: Mit Humor“ aus: 5 Stücke im Volkston für Klavier und Violoncello op. 102 von Robert Schumann
Label: Philips 4122302