Diesseits von Eden

Im November 2019 geschah es, dass in Rom Statuen der südamerikanischen Schöpfer-Göttin „Mutter Erde“, in der Inkasprache „Pacha Mama“, gestohlen wurden. Ein rabiater Christ hatte sie aus einer Kirche entführt, in der sie ausgestellt waren und im Tiber versenkt. Der Fall erregte Aufsehen. Sogar der Papst entschuldigte sich für den Vorfall.

Gedanken für den Tag 14.9.2020 zum Nachhören (bis 13.9.2021):

Pacha Mama ist nach dem Glauben der Inka nicht nur die Mutter der Menschen, sondern der Materie überhaupt. Und als Mutter des Kosmos fordert sie, die Dinge, Wesen und Taten nicht als Gut oder Schlecht zu beurteilen. Man solle hingegen in Erinnerung behalten, dass alles miteinander in Wechselwirkung steht. Ein jedes Teil sei gleich wichtig im Funktionieren des Ganzen – also etwa die Schabe, der Grashalm, der Stein, die Ameise, das Virus, der Mensch – einfach alles.

Oliver Tanzer
ist Wirtschaftsjournalist bei der „Furche“ und Autor

Wo wir stecken auf Mutter Erde

Das wirkt aufs erste absurd, ja warum soll man denn nicht gut und schlecht beurteilen? Aber es basiert auf einer tiefen Einsicht: Wer gut und schlecht definiert, wertet ja Dinge, Wesen, Ereignisse automatisch auf oder ab. Etwas oder jemand ist dann besser als ein anderes oder ein anderer. Daher erstrebenswerter. Und generell ist etwas gut, das einem selbst gefällt oder dient. Böse und schlecht ist aber das, das häßlich ist oder einen behindert oder gar von einem etwas wegnimmt. Diese Wertungen sind zwangsweise subjektiv und einseitig.

Vergleicht man das mit der biblischen Schöpfungsgeschichte, landet man unversehens bei einem ganz ähnlichen Bild: der Verstoßung des Menschen, weil er vom Baum der Unterscheidung von Gut und Böse gegessen hat. Und in Besinnung auf Pacha Mama, Mutter Erde, könnte man interpretieren: Bei der Ursünde dreht es sich gar nicht so sehr um die Schlange, Eva und den Teufel. Es hat mit der Manie des Menschen zu tun, das Gute für sich zu definieren und jedes Wesen und jede Materie diesem seinem Dafürhalten unterzuordnen, zu benutzen und zu entwerten. Und die Konsequenz aus der Übertreibung dieser Haltung ist Unterdrückung, Verschmutzung, Artenstreben und Klimawandel. In diesem Sinn ist die Versenkung von Pacha Mama im Schlamm des Tiber ein symbolischer Akt gewesen. Er beschreibt, wo wir stecken auf Mutter Erde.

Buchhinweise:

  • Tomas Sedlacek, Oliver Tanzer, „Lilith und die Dämonen des Kapitals. Die Ökonomie auf Freuds Couch“, Carl Hanser Verlag
  • Oliver Tanzer, „Animal Spirits. Wie und Fledermäuse, Pantoffeltierchen und Bonobos aus der Krise helfen“, Verlag Molden

Link:

Ö1-Schwerpunkt: Mutter Erde

Musik:

„Por el suelo“ von Manu Chao
Label: Virgin France 8457832