Quanten-Genesis

Die Schöpfungsgeschichte wird gerne für ein etwas überwuchertes Monument christlichen Glaubens gehalten, oft nur eine Geschichte, die Kindern mit bunten Bildern erzählt wird, eine Kindergeschichte eben.

Gedanken für den Tag 16.9.2020 zum Nachhören (bis 15.9.2021):

Von dem lieben Gott, den lieben Tieren und dann den Menschen, die immer schon etwas zu hungrig waren nach Wissen und Macht. Und deshalb: Paradies verloren. Diese Geschichte also - von Generationen wortwörtlich geglaubt, von Gelehrten filetiert und von Interpretationen über zwei Jahrtausende zerfurcht... Was bleibt von ihr?

Oliver Tanzer
ist Wirtschaftsjournalist bei der „Furche“ und Autor

Schreckliche Vision?

Wir finden eine der Antworten in der Physik. Wenn wir der Relativitätstheorie glauben, dann gibt es auch andere Formen der Zeit und der Geschichte. In sich verschoben, immer präsent, wie ein Mythos, eine Poesie in der Dichtung. Dann sehen wir vielleicht heute in der Genesis wie vor 2000 Jahren und in späteren Gegenwarten ein ewiges Bild dieser menschlichen Geschichte. Und dieses Bild, es ist vielleicht gar nicht der Garten Eden konkret oder Adam und Eva. Sondern ein Mensch, der in sich versunken, sich im Takt wiegend immer wieder dieses Gedicht singt, vom Werden und vom Vergehen des Unschuldigen, des Unverstrickten, des Unverletzten, das letztlich schuldig, verstrickt und verletzt ins Chaos zurückfällt. Ein Hymnus in hebräische Verse gelegt.

Bereschit bara elohim
et hashamaijm veet haaret
ve haaretz hajetah tohu vavohu.

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde und die Erde war wüst und leer. Wenn also diese Geschichte keine Geschichtlichkeit hätte, sondern ein Prinzip schilderte - das Prinzip des Menschen in der Welt: hin- und hergerissen zwischen Beherrscher und Bewahrer. Zwischen Glück und Unzufriedenheit, zwischen Gehorsam, Aufstand und Feigheit. Angesichts der Weltlage müsste man meinen, eine schreckliche Vision. Aber das muss es nicht sein. Denn wo wir uns in dieser Quanten-Genesis aufhalten, wäre ja tatsächlich eine Sache des Willens. Wir könnten auch dort stehen bleiben, wo es heißt, es werde Licht. Und ein wenig Energie aufnehmen. Und dann die Schöpfung mit Taten in Echtzeit loben.

Buchhinweise:

  • Tomas Sedlacek, Oliver Tanzer, „Lilith und die Dämonen des Kapitals. Die Ökonomie auf Freuds Couch“, Carl Hanser Verlag
  • Oliver Tanzer, „Animal Spirits. Wie und Fledermäuse, Pantoffeltierchen und Bonobos aus der Krise helfen“, Verlag Molden

Link:

Ö1-Schwerpunkt: Mutter Erde

Musik:

Sarah Brightman/Gesang und English National Orchestra unter der Leitung von Paul Bateman: „In paradisum“ von Frank Peterson und Sarah Brightman
Label: EW 3984254922